Berufsbegleitend promovieren!

03. Nov. 2010 von Martin Gertler

Immer wie­der fra­gen mich meine Absol­ven­ten aus den Medi­en­stu­di­en­gän­gen der letz­ten zehn Jahre, wo sie berufs­be­glei­tend eine Chance zum Pro­mo­vie­ren haben könn­ten. Man­che wür­den näm­lich gern durch eine wis­sen­schaft­li­che und zugleich anwen­dungs­ori­en­tierte Unter­su­chung zum Dok­tor­ti­tel gelangen.

Ein gro­ßes und gar dop­pel­tes Pro­blem ist aller­dings, dass FH-Absolventen in der Regel kaum Chan­cen erhal­ten, berufs­be­glei­tend in Deutsch­land an einer Uni­ver­si­tät ein Pro­mo­ti­ons­vor­ha­ben begin­nen und abschlie­ßen zu kön­nen. Warum geht das meis­tens nicht? Weil an den deut­schen Uni­ver­si­tä­ten am liebs­ten haupt­be­ruf­lich geforscht (und pro­mo­viert) wird und weil Dok­tor­vä­ter (oder -müt­ter) gern ihre For­schungs­li­nien durch Dis­ser­ta­tio­nen gestützt sehen und daher für die anwen­dungs­ori­en­tier­ten For­scher mit FH-Vorbildung kaum noch Raum bleibt...

1. Warum berufs­be­glei­tend promovieren?

Es bringt enorm wei­ter, sich einer mehr­jäh­ri­gen For­schungs­auf­gabe gestellt und sie wis­sen­schaft­lich sau­ber bewäl­tigt zu haben. Denn die erwor­bene Kom­pe­tenz bezieht sich ja nicht nur auf die eine For­schungs­frage, son­dern erweist sich vor allem im Umgang mit den müh­sam gefun­de­nen und bewäl­tig­ten Metho­den zu ihrer Beantwortung.

Diese Kom­pe­tenz, abstra­hie­ren zu kön­nen, Quel­len zu ana­ly­sie­ren und zu ver­ste­hen, nach pas­sen­den Instru­men­ten zu suchen und sie anzu­wen­den zu ler­nen, kommt natür­lich auch dem Berufs­le­ben und der Kar­riere zugute. Wis­sen­schaft­lich­keit muss nicht allein an den Hoch­schu­len ver­blei­ben, son­dern hat ebenso einen Mehr­wert für die Unter­neh­men und jeden Ein­zel­nen, der sie ein­zu­set­zen weiß.

Wer ein Pro­mo­ti­ons­stu­dium erfolg­reich absol­viert hat, weiß, dass er damit sozu­sa­gen eine höhere Ebene der geis­ti­gen Durch­drin­gung von (oft­mals) mate­ri­ell fass­ba­ren Zusam­men­hän­gen erreicht hat. Die erwor­be­nen Abs­trak­ti­ons­er­fah­run­gen und das Metho­den­wis­sen füh­ren meist zu einer bes­se­ren Entscheidungs- und Hand­lungs­kom­pe­tenz im fach­li­chen Umfeld.

2. Wie berufs­be­glei­tend promovieren?

Wer neben sei­ner beruf­li­chen Tätig­keit noch for­schen will, wird das in der Regel so tun, dass er damit kon­krete Pra­xis­pro­bleme aus sei­nem beruf­li­chen Umfeld anpa­cken und mög­li­cher­weise for­schungs­ba­siert lösen kann.

Zwei Wege ste­hen zur Wahl: ent­we­der als Ein­zel­kämp­fer, der im Dia­log mit einem uni­ver­si­tä­ren Betreuer sein anwen­dungs­be­zo­ge­nes For­schungs­vor­ha­ben ent­wi­ckelt und durch­führt - oder als Mit­kämp­fer, der sich einer »Gra­duate School« ange­schlos­sen hat, in der For­schung qua Ziel­set­zun­gen und Metho­den strin­gent kana­li­siert durch­ge­führt wird und wo daher pas­sende inte­grierte Stu­di­en­an­ge­bote zu absol­vie­ren sind.

Das Einzelkämpfer-Modell führt in 70 bis 90 % der Fälle zu Abbrü­chen, denn irgend­wann domi­nie­ren die beruf­li­chen Anfor­de­run­gen den Pro­mo­ti­ons­wil­li­gen doch wie­der so sehr, dass keine Kraft mehr bleibt für den Promotionsweg.

»Gra­duate Schools« ver­hin­dern sol­che hohen Abbre­cher­quo­ten, denn das »Mit­se­geln« in einer For­schungs­gruppe ver­stärkt die Moti­va­tion und trägt zudem zur Metho­den­kom­pe­tenz bei. Die Prä­senz­zei­ten sol­cher Stu­di­en­pro­gramme wer­den meist gebün­delt, über elek­tro­ni­sche Arbeits­um­ge­bun­gen bleibt man im Kon­takt und erhält auch zusätz­li­che Inputs und Betreu­ung: Pro­mo­vie­ren im Fernstudium.

Ich selbst hatte mich - ganz gemäß mei­ner eige­nen Prä­gung - als Ein­zel­kämp­fer bis zur erfolg­rei­chen Pro­mo­tion durch­ge­setzt. Aber das ist halt in der Regel keine erfolg­ver­spre­chende Vor­ge­hens­weise. Heute emp­fehle ich das Kon­zept »Gra­duate School«.


Kom­men­tier­ter Mit­schnitt der Defen­sio (Ver­tei­di­gung) mei­ner Dok­tor­ar­beit »Unter­wegs zu einer Fern­seh­ge­meinde - Erfah­rung von Kir­che durch Got­tes­dienstü­ber­tra­gun­gen« am 16. März 1999 in der Aula der Rad­boud Uni­ver­sity Nijmegen.

Und dann gibt es da noch aus dem angel­säch­si­schen Sprach­raum die Unter­schei­dung zwi­schen den bei­den Pro­mo­ti­ons­gra­den »Ph.D« und »DBA«. Sie unter­schei­den sich im wis­sen­schaft­li­chen Niveau: ein »Ph.D« (Phi­lo­so­phy Doc­tor) ent­spricht dem deut­schen »Dr.«; ein »DBA« (Doc­tor of Busi­ness Admi­nis­tra­tion) hin­ge­gen ist wis­sen­schaft­lich gese­hen eher eine Schmal­spur­va­ri­ante davon, darf aber den­noch als »Dr.« in Deutsch­land ver­wen­det werden.

Meine Alumni, die in aller Welt arbei­ten, berich­te­ten mir bereits: der »DBA« ist auch in der angel­säch­si­schen Welt als Schmalspur-Doctor nicht als dem »Ph.D« gleich­ran­gig ange­se­hen. Und in Deutsch­land dürf­ten beim genauen Betrach­ten des Lebens­lau­fes eines sich »Dr.« nen­nen­den Bewer­bers, der einen »DBA« absol­vierte, Stirn­run­zeln und wenig begeis­terte Nach­frage die Folge sein.

3. Wo berufs­be­glei­tend promovieren?

Wer es schafft, an einer deut­schen oder aus­län­di­schen Uni eine Chance zur »ein­zel­kämp­fe­ri­schen« Dis­ser­ta­tion ohne teure Gebüh­ren zu erhal­ten, hat auf den ers­ten Blick viel­leicht eine Menge Glück - er sollte aber auch wis­sen, dass die­ser Weg in den meis­ten Fäl­len nicht zum Erfolg führt, siehe oben.

Betreute Pro­mo­ti­ons­pro­gramme kos­ten in der Regel Geld. Von € 20.000 und mehr an Gebüh­ren (über die gesamte Lauf­zeit) ist aus­zu­ge­hen - hinzu kom­men wie­der­holt not­wen­dige Rei­sen zu den Uni­ver­si­ties (etwa in Aus­tra­lien, Groß­bri­tan­nien, Hol­land...) und natür­lich alle Mate­ria­lien, ins­bes. Bücher.

Und dann kom­men halt noch Kos­ten für die not­wen­dige Publi­ka­tion des Wer­kes hinzu.

Die Frage nach dem »Wo« ist eine dop­pelte Frage, denn es geht nicht nur um den Ort, son­dern auch um den Fach­be­reich. Wer ein öko­no­mi­sches Stu­dium absol­viert hat, wird viel­leicht nach ein­schlä­gi­gen öko­no­mi­schen Pro­mo­ti­ons­mög­lich­kei­ten suchen.

Mög­li­cher­weise sind aber auch geis­tes­wis­sen­schaft­li­che Ansätze hilf­reich und erwünscht, die zur kri­ti­schen Refle­xion der wirt­schafts­wis­sen­schaft­li­chen Vor­ge­hens­weise anre­gen und neue Impulse für neue Lösungs­mo­delle anbie­ten können.

Sowohl geistes- als auch sozialwissenschaftlich Medienentwicklungen zu untersuchen und zu erforschen: das bevorzugen Prof. Dr. Johan Hemels (Fellow ASCoR / Amsterdam School of  Communication Research) und Prof. Dr. Martin Gertler (RFH Köln / FB Medien).

Sowohl geistes- als auch sozi­al­wis­sen­schaft­lich Medi­en­ent­wick­lun­gen zu unter­su­chen und zu erfor­schen: das bevor­zu­gen Prof. Dr. Johan Hemels (Fel­low ASCoR / Ams­ter­dam School of Com­mu­ni­ca­tion Research) und Prof. Dr. Mar­tin Gert­ler (FB Medien / RFH Köln).

Denn dass bis­he­rige Manage­ment­kon­zepte mit ihren Mehr­jah­res­plä­nen, Controlling-Mechanismen und Score­Cards inzwi­schen immer weni­ger funk­tio­nie­ren, ist längst ein offe­nes Geheim­nis - heute sind sys­te­mi­sche und kon­struk­ti­vis­ti­sche Ein­sich­ten sowie auf Ver­net­zung und stän­dige Ver­än­de­run­gen aus­ge­rich­tete Hal­tun­gen offen­bar nach­hal­ti­ger wirk­sam und daher sinn­vol­ler. Immer mehr Berufs­tä­tige fra­gen nach holis­ti­schen Herangehensweisen.

Sol­che auf dyna­mi­sche Ent­wick­lun­gen ach­ten­den Kon­zepte sind aber nicht nur schwie­rig zu ent­wi­ckeln - sie bedür­fen auch einer metho­disch neuen Her­an­ge­hens­weise bei der wis­sen­schaft­li­chen Auf­stel­lung und empi­ri­schen Überprüfung.

Meine Emp­feh­lung: ein neu­ar­ti­ges, berufs­be­glei­ten­des Pro­mo­ti­ons­stu­dium - bei der Uni­ver­sity of Huma­nistic Stu­dies



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