Berufsbegleitend promovieren!
Immer wieder fragen mich meine Absolventen aus den Medienstudiengängen der letzten zehn Jahre, wo sie berufsbegleitend eine Chance zum Promovieren haben könnten. Manche würden nämlich gern durch eine wissenschaftliche und zugleich anwendungsorientierte Untersuchung zum Doktortitel gelangen.
Ein großes und gar doppeltes Problem ist allerdings, dass FH-Absolventen in der Regel kaum Chancen erhalten, berufsbegleitend in Deutschland an einer Universität ein Promotionsvorhaben beginnen und abschließen zu können. Warum geht das meistens nicht? Weil an den deutschen Universitäten am liebsten hauptberuflich geforscht (und promoviert) wird und weil Doktorväter (oder -mütter) gern ihre Forschungslinien durch Dissertationen gestützt sehen und daher für die anwendungsorientierten Forscher mit FH-Vorbildung kaum noch Raum bleibt...
1. Warum berufsbegleitend promovieren?
Es bringt enorm weiter, sich einer mehrjährigen Forschungsaufgabe gestellt und sie wissenschaftlich sauber bewältigt zu haben. Denn die erworbene Kompetenz bezieht sich ja nicht nur auf die eine Forschungsfrage, sondern erweist sich vor allem im Umgang mit den mühsam gefundenen und bewältigten Methoden zu ihrer Beantwortung.
Diese Kompetenz, abstrahieren zu können, Quellen zu analysieren und zu verstehen, nach passenden Instrumenten zu suchen und sie anzuwenden zu lernen, kommt natürlich auch dem Berufsleben und der Karriere zugute. Wissenschaftlichkeit muss nicht allein an den Hochschulen verbleiben, sondern hat ebenso einen Mehrwert für die Unternehmen und jeden Einzelnen, der sie einzusetzen weiß.
Wer ein Promotionsstudium erfolgreich absolviert hat, weiß, dass er damit sozusagen eine höhere Ebene der geistigen Durchdringung von (oftmals) materiell fassbaren Zusammenhängen erreicht hat. Die erworbenen Abstraktionserfahrungen und das Methodenwissen führen meist zu einer besseren Entscheidungs- und Handlungskompetenz im fachlichen Umfeld.
2. Wie berufsbegleitend promovieren?
Wer neben seiner beruflichen Tätigkeit noch forschen will, wird das in der Regel so tun, dass er damit konkrete Praxisprobleme aus seinem beruflichen Umfeld anpacken und möglicherweise forschungsbasiert lösen kann.
Zwei Wege stehen zur Wahl: entweder als Einzelkämpfer, der im Dialog mit einem universitären Betreuer sein anwendungsbezogenes Forschungsvorhaben entwickelt und durchführt - oder als Mitkämpfer, der sich einer »Graduate School« angeschlossen hat, in der Forschung qua Zielsetzungen und Methoden stringent kanalisiert durchgeführt wird und wo daher passende integrierte Studienangebote zu absolvieren sind.
Das Einzelkämpfer-Modell führt in 70 bis 90 % der Fälle zu Abbrüchen, denn irgendwann dominieren die beruflichen Anforderungen den Promotionswilligen doch wieder so sehr, dass keine Kraft mehr bleibt für den Promotionsweg.
»Graduate Schools« verhindern solche hohen Abbrecherquoten, denn das »Mitsegeln« in einer Forschungsgruppe verstärkt die Motivation und trägt zudem zur Methodenkompetenz bei. Die Präsenzzeiten solcher Studienprogramme werden meist gebündelt, über elektronische Arbeitsumgebungen bleibt man im Kontakt und erhält auch zusätzliche Inputs und Betreuung: Promovieren im Fernstudium.
Ich selbst hatte mich - ganz gemäß meiner eigenen Prägung - als Einzelkämpfer bis zur erfolgreichen Promotion durchgesetzt. Aber das ist halt in der Regel keine erfolgversprechende Vorgehensweise. Heute empfehle ich das Konzept »Graduate School«.
Kommentierter Mitschnitt der Defensio (Verteidigung) meiner Doktorarbeit »Unterwegs zu einer Fernsehgemeinde - Erfahrung von Kirche durch Gottesdienstübertragungen« am 16. März 1999 in der Aula der Radboud University Nijmegen.
Und dann gibt es da noch aus dem angelsächsischen Sprachraum die Unterscheidung zwischen den beiden Promotionsgraden »Ph.D« und »DBA«. Sie unterscheiden sich im wissenschaftlichen Niveau: ein »Ph.D« (Philosophy Doctor) entspricht dem deutschen »Dr.«; ein »DBA« (Doctor of Business Administration) hingegen ist wissenschaftlich gesehen eher eine Schmalspurvariante davon, darf aber dennoch als »Dr.« in Deutschland verwendet werden.
Meine Alumni, die in aller Welt arbeiten, berichteten mir bereits: der »DBA« ist auch in der angelsächsischen Welt als Schmalspur-Doctor nicht als dem »Ph.D« gleichrangig angesehen. Und in Deutschland dürften beim genauen Betrachten des Lebenslaufes eines sich »Dr.« nennenden Bewerbers, der einen »DBA« absolvierte, Stirnrunzeln und wenig begeisterte Nachfrage die Folge sein.
3. Wo berufsbegleitend promovieren?
Wer es schafft, an einer deutschen oder ausländischen Uni eine Chance zur »einzelkämpferischen« Dissertation ohne teure Gebühren zu erhalten, hat auf den ersten Blick vielleicht eine Menge Glück - er sollte aber auch wissen, dass dieser Weg in den meisten Fällen nicht zum Erfolg führt, siehe oben.
Betreute Promotionsprogramme kosten in der Regel Geld. Von € 20.000 und mehr an Gebühren (über die gesamte Laufzeit) ist auszugehen - hinzu kommen wiederholt notwendige Reisen zu den Universities (etwa in Australien, Großbritannien, Holland...) und natürlich alle Materialien, insbes. Bücher.
Und dann kommen halt noch Kosten für die notwendige Publikation des Werkes hinzu.
Die Frage nach dem »Wo« ist eine doppelte Frage, denn es geht nicht nur um den Ort, sondern auch um den Fachbereich. Wer ein ökonomisches Studium absolviert hat, wird vielleicht nach einschlägigen ökonomischen Promotionsmöglichkeiten suchen.
Möglicherweise sind aber auch geisteswissenschaftliche Ansätze hilfreich und erwünscht, die zur kritischen Reflexion der wirtschaftswissenschaftlichen Vorgehensweise anregen und neue Impulse für neue Lösungsmodelle anbieten können.

Sowohl geistes- als auch sozialwissenschaftlich Medienentwicklungen zu untersuchen und zu erforschen: das bevorzugen Prof. Dr. Johan Hemels (Fellow ASCoR / Amsterdam School of Communication Research) und Prof. Dr. Martin Gertler (FB Medien / RFH Köln).
Denn dass bisherige Managementkonzepte mit ihren Mehrjahresplänen, Controlling-Mechanismen und ScoreCards inzwischen immer weniger funktionieren, ist längst ein offenes Geheimnis - heute sind systemische und konstruktivistische Einsichten sowie auf Vernetzung und ständige Veränderungen ausgerichtete Haltungen offenbar nachhaltiger wirksam und daher sinnvoller. Immer mehr Berufstätige fragen nach holistischen Herangehensweisen.
Solche auf dynamische Entwicklungen achtenden Konzepte sind aber nicht nur schwierig zu entwickeln - sie bedürfen auch einer methodisch neuen Herangehensweise bei der wissenschaftlichen Aufstellung und empirischen Überprüfung.
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