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22. Feb. 2007 von Martin Gertler

Ein Sym­po­sium zu diesem wich­tigen Thema, an­läss­lich der of­fi­zi­ellen Er­öff­nung des »Nether­lands house for Edu­ca­tion and Re­search« (Neth-ER), gab am Ascher­mitt­woch, am 21. Fe­bruar 2007, im »Con­cert Noble« zu Brüssel Ge­le­gen­heit, sich mit wich­tigen Fragen zu be­schäf­tigen und wich­tige Men­schen zu treffen.

Der Leiter dieses neuen Ver­bin­dungs­büros aller wich­tigen nie­der­län­di­schen Ver­bände aus dem breiten Feld der Lehre und For­schung, Prof. Dr. Frans van Vught, konnte nicht alle an­ge­kün­digten Re­fe­renten des Sym­po­sium be­grüßen, denn die Wis­sen­schafts­mi­nis­terin Maria van der Hoeven war in diesen Tagen der Ka­bi­netts­bil­dung in Den Haag unabkömmlich.

Doch er hatte Re­fe­renten zu Gast, die den Blick auf ein »Eu­ropa des Wis­sens« nicht mit lau­warmen Plat­ti­tüden, son­dern – ganz pro­fes­soral – mit Thesen und Um­set­zungen realisierten.

Prof. Dr.-Ing. Emile Aarts, füh­render nie­der­län­di­scher Wis­sen­schaftler aus der Philips-Stadt Eind­hoven und im Technologie-Konzern ver­ant­wort­lich für die For­schung, be­schrieb den Wandel der Wis­sen­schaft als ein Be­kenntnis zum Pra­xis­bezug. »Wer von Ihnen war schon einmal in ›Se­cond Life‹ un­ter­wegs? Wer von Ihnen kennt ›Web 2.0‹?« Die Pa­ra­digmen der Men­schen von heute, die die Welt er­kunden und for­schen wollen, können Wis­sen­schaft­lern nicht fremde Welten bleiben.

»Ver­net­zung, In­ter­dis­zi­pli­na­rität und Multidisziplinarität«

Sir Brian Fender des »In­sti­tute of Know­ledge Transfer, UK and Ire­land« ging auf wich­tige Ver­än­dungen auf dem Weg zu einem »Eu­rope of Know­ledge after 2010« ein. Er ana­ly­sierte zu­nächst die wis­sen­schaft­lich re­le­vanten Stufen von »raw data« über »valid data«, »pat­terns«, »in­for­ma­tion« und »prin­ci­ples« bis zur Weis­heit (»wisdom«).

Dann be­schrieb er die Ver­än­de­rungen um das Dreieck »Re­search«, »Teaching« und »Know­ledge Transfer« seit den 80er Jahren des 20. Jahr­hun­derts. Er sieht eine Be­we­gung von »closed« zu »open«, die sich für den Be­reich Re­search, der mich im Hin­blick auf eine Uni­ver­si­teit Fries­land i. G. be­son­ders in­ter­es­siert, be­schreiben lässt durch »global com­pe­ti­tion, stra­tegic and pro­fes­sional«. Eine Zu­nahme von »dis­persed learning« pro­phe­zeite Fender: durch IT-Entwicklungen, E-Learning, das In­ternet samt Web 2.0 und auch durch »vir­tual worlds«.

»Wie be­kommen wir all das hin?« fragte er. Wir müssten den Link schaffen von »dis­co­very, in­no­va­tion, crea­ti­vity, im­pro­ve­ment«. Er ent­wirft das Bild einer Wis­sen­schaft, die nach Ant­worten sucht auf Fragen aus dem Leben der Men­schen, nicht mehr aus Ideen ei­niger Menschen.

So brach dieses Sym­po­sium, unter dem Bei­fall auch der vielen Kol­legen aus den klas­si­schen wis­sen­schaft­li­chen Uni­ver­si­täten, eine Lanze für die auf An­wen­dung ori­en­tierte For­schung. Damit war nicht die so­ge­nannte an­ge­wandte For­schung (pro­fes­sional re­search) ge­meint, die gern den Fach­hoch­schulen über­lassen wird und oft­mals unter einem Mangel an For­schungs­mit­teln leidet, son­dern die be­reits spür­bare Ver­än­de­rung der uni­ver­si­tären Forschungsbereiche.

Mit dieser feinen Dif­fe­ren­zie­rung gab Sir Fender mir einen wich­tigen Wink für die Ent­wick­lung un­serer frie­si­schen Uni­ver­sität. Sie mag mit Blick auf die Wis­sens­ge­sell­schaft 2010 den An­wen­dungs­bezug der lang­jäh­rigen FH-Tradition (in den Nie­der­landen HBO ge­nannt) teilen, wird sich aber in­halt­lich und me­tho­disch breiter auf­stellen. Diese an­wen­dungs­ori­en­tierte Wis­sen­schaft, wie sie in Brüssel be­schrieben wurde, dient nicht mehr der in­di­vi­du­ellen Pro­blem­lö­sung, son­dern sucht einen ähn­li­chen Ef­fekt, der aber weit­rei­chender ist und noch mehr kom­pe­tenz­bil­dend, über die Abs­trak­tion, die Ana­lyse, die Dis­tanz zum ein­zelnen Problemfall.

Die Vi­sionen dieses Sym­po­siums ent­zogen sich aber – noch – ihrer ei­genen Pro­ble­matik. Wie soll eine »Mul­ti­dis­zi­pli­na­rität« funk­tio­nieren, wenn doch jede Dis­zi­plin ihren ei­genen Me­tho­den­kanon ver­herr­licht, der mit dem der an­deren meist nicht kom­pa­tibel ist? Wer selbst schon einmal so ge­forscht hat, weiß um die dabei ent­ste­henden Kommunikations- und Schnitt­stel­len­pro­bleme. Wie soll ver­netztes For­schen ent­stehen, wenn bei­spiels­weise der nie­der­län­di­sche Staat jedes Pro­mo­ti­ons­vor­haben an re­fi­nan­zierten Uni­ver­si­täten mit 80.000 Euro för­dert, an­dere aber selbst für ihre Kos­ten­de­ckung sorgen müssen? Wer sollte da mit wem und warum sein But­ter­brot teilen?

Kon­se­quent un­aus­ge­spro­chen schwebte über dieser fei­er­li­chen Ver­an­stal­tung zudem das immer noch schmer­zende Schwert der Tei­lung des ter­ziären Bil­dungs­be­reichs in wis­sen­schaft­liche Uni­ver­si­täten und an­ge­wandt ori­en­tierte Fach­hoch­schulen. In den Nie­der­landen ist der Graben zwi­schen den beiden Stu­di­en­mög­lich­keiten nach meiner Ein­schät­zung min­des­tens so tief wie in Deutschland.

Doch der letzte Re­fe­rent hat diese beiden Welten un­ter­schiedslos in seine en­ga­gierte Rede ein­be­zogen: José Ma­nuel Bar­roso (im Bild links), Prä­si­dent der Eu­ro­päi­schen Kom­mis­sion. Er lobte die Nie­der­lande (völlig zu Recht, wie ich meine) für ihren Geist der Frei­heit des Den­kens und der Mei­nung sowie für die daraus ent­ste­hende Stär­kung des In­di­vi­duums. Und an­schlie­ßend sprach er noch mit ei­nigen en­ga­gierten Pro­fes­soren, die von diesem neuen »Haus« in Brüssel eine stär­kere An­bin­dung der nie­der­län­di­schen Hoch­schul­ent­wick­lungen an eu­ro­päi­sche Strö­mungen erwarten.

Wich­tige Men­schen, wie ein­gangs an­ge­kün­digt, hatten aus­führ­lich Ge­le­gen­heit zum Ge­spräch an diesem Brüs­seler Ascher­mitt­woch. Für unser Vor­haben einer Uni­ver­sität Fries­land er­gaben sich erste Son­die­rungs­mög­lich­keiten mit Mit­ar­bei­tern des »Mi­nis­terie van On­der­wijs, Cul­tuur en We­ten­schap« (OCW), also des nie­der­län­di­schen Mi­nis­te­riums für Er­zie­hung, Kultur und Wis­sen­schaft. Sie sagten mir etwas, das ich allzu gern mit auf den Weg ge­nommen habe: »Das neue Hoch­schul­ge­setz ist noch nicht in Kraft und es wird noch hier und da Än­de­rungen geben bis zum Herbst. Aber Ihr könnt doch schon im Hin­blick darauf aktiv werden und so viel wie mög­lich vor­be­reiten für die Uni­ver­si­täts­grün­dung?!« Ja, das tun wir be­reits…! Und genau das ist mein Job in Friesland.

Die ei­gent­liche Er­öff­nung des »Neth-er«-Hauses ge­schah schluss­end­lich üb­ri­gens – siehe »Web 2.0« und »Se­cond Life« – rein vir­tuell durch Be­tä­tigen eines roten Knopfes. Herr Bar­roso be­diente ihn und der Mit­ar­beiter am PC star­tete zeit­gleich die Bild­schirm­prä­sen­ta­tion zu den In­halten und Auf­gaben dieser wirk­lich wich­tigen Ein­rich­tung. Be­we­gendes Intro war ein nie­der­län­di­sches Kli­schee – zwar keine Wind­mühle und auch keine Tulpe, son­dern ein Leucht­turm. Nun ja.

Bei dieser Szene ging ein an­hal­tendes La­chen und Raunen durch den Saal. Ir­gendwie sind Kli­schees und me­diale »Klicki-Bunti« mit­unter wohl auch für »Streng-Denker« erleichternd.

Was sagte dazu der Leuchttum? Blink-blink… :-)



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