Geldmacherei - von Amts wegen.

02. Nov. 2010 von Martin Gertler

Jedes Jahr aufs Neue publi­ziert der nie­der­län­di­sche »Alge­mene Onder­wijs­bond« (AOb) eine Liste jener Chefs von Uni­ver­si­tä­ten und Hoge­scho­len, deren Jah­res­ein­kom­men über dem des Minis­ter­prä­si­den­ten (€ 188.000) liegt.
Dies­mal ste­hen 63 Namen auf der Liste.

Fon­tys auf Platz 1, Sten­den auf Platz 5 der Zuviel-Verdiener.

Lan­des­wei­ter Spit­zen­ver­die­ner im ter­tiä­ren Bil­dungs­be­reich wurde im Jahr sei­ner Pen­sio­nie­rung der Fontys-Manager René van Elde­ren - mit guten € 352.000.

Nur ein Vier­tel so viele Stu­die­rende wie Fon­tys zählt Sten­den in Lee­uwar­den. Chef Robert Veen­s­tra brachte es im Jahr 2009 den­noch auf € 280.000 und erreichte damit Platz 5 in der Liste der Zuviel-Verdiener im staat­lich refi­nan­zier­ten Bil­dungs­be­reich der Niederlande.

Dass Veen­stras Vize bei Sten­den, Klaas Wybo van der Hoek, im Jahr 2009 über € 224.000 mit­nahm, beschäf­tigt der­zeit die Öffent­lich­keit im armen Nor­den des Landes.

Die Zei­tung »Dagb­lad van het Noor­den« hat mit einem kur­zen Bericht am 8. Novem­ber 2010 über das satte Ein­kom­men des in der Ver­bands­ge­meinde Gri­jps­kerk bei »Groen-Links« poli­tisch akti­ven Hogeschool-Vize eine Dis­kus­sion über die Ver­hält­nis­mä­ßig­keit sol­cher Gehäl­ter los­ge­tre­ten, ohne aller­dings auf des Pudels Kern zu sto­ßen: die Schräg­lage des nie­der­län­di­schen Finan­zie­rungs­sys­tems überhaupt.

Sys­te­ma­ti­sches Profitieren.

Gehälter über dem eines Minsterpräsidenten: <br>Hogeschool-Manager Klaas Wybo van der Hoek und Robert Veenstra. (Foto: Gertler)

Gehäl­ter über dem eines Min­ster­prä­si­den­ten: Hogeschool-Manager Klaas Wybo van der Hoek und Robert Veenstra.

Es sind und blei­ben Steu­er­gel­der, die sich die Mana­ger der Bil­dungs­fa­bri­ken in den Nie­der­lan­den gön­ner­haft aus­zah­len kön­nen. Aber da ist kein Rech­nungs­hof, der ihnen auf die Fin­ger klopft; und die ehren­amt­li­chen Auf­sichts­räte der Hoge­school wer­den für ihr wohl­wol­len­des Mit­tun wie­derum aus dem Topf der Bil­dungs­ein­rich­tung mit freund­li­chen Zuwen­dun­gen bedacht.

Aus­re­den las­sen sich schnell fin­den, sogar im Jah­res­be­richt: So sei die Ein­rich­tung ja auch zusätz­lich pri­vat­wirt­schaft­lich und inter­na­tio­nal aktiv und erfolg­reich. Mag sein – aber das kann sie über­haupt nur des­we­gen, weil ihr der gesetz­li­che Bil­dungs­auf­trag anver­traut wurde und nur so ihre Grund­ver­sor­gung gesi­chert ist!

In Deutsch­land hin­ge­gen bestim­men Wis­sen­schaft­ler als Prä­si­den­ten oder Rek­to­ren gemein­sam mit Kauf­leu­ten (Kanz­lern) den Kurs der Hoch­schu­len. Ihnen sind Ober­gren­zen ihres Ein­kom­mens auf­er­legt; diese lie­gen aber weit unter dem Holland-Niveau:

  • Die Prä­si­den­ten der drei gro­ßen Uni­ver­si­tä­ten in Ber­lin (jeweils ca. 40.000 Stu­die­rende), alle­samt pro­mo­vierte Pro­fes­so­ren und erfah­rene Wis­sen­schaft­ler, kom­men auf bis zu € 120.000 pro Jahr – Nicht­aka­de­mi­ker Veen­s­tra holte im länd­li­chen Lee­uwar­den (ca. 10.000 Stu­die­rende) hin­ge­gen über € 280.000 heraus.
  • Vize­prä­si­den­ten jener deut­schen Uni­ver­si­tä­ten (eben­falls pro­mo­vierte Pro­fes­so­ren) kom­men auf bis zu € 100.000 pro Jahr – der für den Lehr­be­trieb bei Sten­den zustän­dige, nicht pro­mo­vierte Mana­ger van der Hoek konnte gar über € 224.000 einstreichen.
  • Ganz nor­male Pro­fes­so­ren ver­die­nen in Deutsch­land eben­falls durch­weg weni­ger als in Hol­land; so liegt der Durch­schnitt an Uni­ver­si­tä­ten bei € 73.000 und an Fach­hoch­schu­len bei € 60.000 im Jahr; ein Pro­fes­sor in den Nie­der­lan­den (nur an Uni­ver­si­tä­ten mög­lich) kommt auf € 95.000 im Jahr.

Laut AOb sol­len die Gehäl­ter in den Chef­eta­gen der nie­der­län­di­schen Bil­dungs­häu­ser nach Anga­ben von Staats­se­kre­tär Zeil­s­tra dem­nächst gesetz­lich gede­ckelt wer­den – auf € 181.000 plus Pen­si­ons­las­ten und Prä­mien, so dass eine Ober­grenze von € 226.000 ent­steht. Immer­hin... € 100.000 mehr pro Jahr als im aka­de­mi­schen Deutsch­land über­haupt möglich.

Der ter­tiäre Bil­dungs­be­reich in den Nie­der­lan­den ist – ins­be­son­dere seit dem Auf­kom­men der Hoge­scho­len in den 80er Jah­ren – durch eine (Un-)Kultur des Abschöp­fens gekenn­zeich­net, die für deut­sche Hoch­schu­len undenk­bar wäre.

Bil­dungs­ferne Mana­ger und die Ver­füh­rung zum Schummeln.

In den Nie­der­lan­den sit­zen in den Hoge­scho­len Kauf­leute ohne aka­de­mi­schen Hin­ter­grund am Ruder. Bei­spiel Sten­den in Lee­uwar­den: Robert Veen­s­tra kam von einem Ener­gie­kon­zern als Kauf­mann zur Hoge­school, griff dort bald zum Vor­sitz des Hau­ses und zog nach weni­gen Jah­ren im Som­mer 2010 in den Vor­stand des SC Hee­ren­veen weiter.

Hoge­scho­len sind Ein­rich­tun­gen zur höhe­ren Berufs­aus­bil­dung (»HBO«), die sich gern mit den deut­schen FHs gleich­stel­len möch­ten, aber keine Pro­fes­so­ren haben dür­fen und kaum pro­mo­vierte Dozen­ten vor­hal­ten, also kein ver­gleich­ba­res wis­sen­schaft­li­ches Niveau erreichen.

Das ist mit dem Wort Bil­dungs­fa­brik ange­deu­tet: Die Chefs die­ser Art Ein­rich­tun­gen müs­sen dafür sor­gen, dass mit­tels vor­ge­fer­tig­ter Modul­hefte die Stu­die­ren­den in der Regel­stu­di­en­zeit zum Stu­di­en­ab­schluss gebracht wer­den, weil die Hoge­school ansons­ten einen gro­ßen Teil der staat­li­chen Finan­zie­rung zurück­zah­len müsste und damit ihre eigene Exis­tenz gefähr­den würde. Es  geht pur um mög­lichst hohe schwarze Zah­len. Erfolg­reich sind daher die Ein­rich­tun­gen, die nie­man­den durch­fal­len las­sen und wo nie­mand das Stu­dium abbricht, denn nur dann darf die Schule die Ein­nah­men von mehr als 30.000 Euro pro Stu­dent behal­ten. Ver­lässt hin­ge­gen jemand vor­zei­tig die Aus­bil­dung oder schafft den Abschluss nicht, muss die Hoge­school 22.000 Euro an den Staat zurück­er­stat­ten, es ver­blei­ben ihr ledig­lich 8.000 Euro (Zah­len von 2007).

Die Hin­ter­gründe erläu­tert die Zusam­men­stel­lung der Ein­nah­men und Ver­luste pro abbre­chen­dem Stu­die­ren­den (Sta­tus 2007 - inzwi­schen lie­gen die genann­ten Zah­len noch höher). Sie stammt aus dem zustän­di­gen nie­der­län­di­schen Minis­te­rium für Unter­richt, Kul­tur und Wis­sen­schaft, Den Haag, und macht deut­lich, warum die Hoge­scho­len alles tun müs­sen, um keine Stu­di­en­ab­bre­cher zu haben und jeden Stu­die­ren­den schnellst­mög­lich zum Abschluss zu brin­gen - not­falls: zu tra­gen. Immer mal wie­der flie­gen daher Hoge­scho­len auf, weil dort Stu­die­ren­den trotz unge­nü­gen­der Leis­tun­gen posi­tive Beno­tun­gen ver­passt wur­den, damit sie zeit­nah als erfolg­rei­che Absol­ven­ten ent­las­sen wer­den kön­nen und die Hoge­school die volle, unge­kürzte staat­li­che Finan­zie­rung für sie behal­ten kann. Wer von Amts wegen seine Bil­dungs­ein­rich­tun­gen für gebo­tene Strenge in Qua­li­tät und Prü­fung bestraft statt belohnt, ver­führt die Ein­rich­tun­gen zum Schummeln.

Dass damit logi­scher­weise die deut­sche Aner­ken­nung eines nie­der­län­di­schen Hogeschool-Abschlusses über­haupt infrage gestellt wer­den müsste, ist ein ande­res Thema, an das sich wie­derum die deut­schen Zustän­di­gen nicht her­an­wa­gen werden.

Des Pudels Kern.

Die Schräg­lage wird folg­lich pri­mär vom Finan­zie­rungs­sys­tems der nie­der­län­di­schen Bil­dung ver­ur­sacht: Als han­dele es sich bei einer Hoge­school um eine Toma­ten­zucht oder Keks­fa­brik, hängt das dort zu ver­die­nende Geld an erfolg­rei­cher Ver­mark­tung und es muss auf mög­lichst wenig Aus­schuss bei der Pro­dukt­her­stel­lung geach­tet werden.

Und damit ist klar gewor­den, dass die eigent­lich absurde Geld­ma­che­rei der Mana­ger ihnen nicht als per­sön­li­che Ver­feh­lung ange­krei­det wer­den kann. Es ist das frag­wür­dige nie­der­län­di­sche Finan­zie­rungs­sys­tem, das die Mana­ger im Bil­dungs­be­reich zum wirt­schaft­li­chen Erfolg zwingt und sie daher auch ent­spre­chend zu beloh­nen hat, ob einem dies nun gefällt oder nicht. Die Lizenz zum Zuviel-Verdienen hat allein Den Haag ver­ge­ben, nicht aber eine ein­zelne Hoge­school selbst.

Würde das nie­der­län­di­sche Minis­te­rium OCW einen aka­de­mi­schen statt kauf­män­ni­schen Pri­mat in den Chef­eta­gen fest­schrei­ben und zudem die Gehäl­ter ange­mes­sen deckeln, wären bald a) das Thema Zuviel-Verdienen im Hand­um­dre­hen vom Tisch und b) lan­des­weit ganz andere Leute am Ruder – mit kun­di­gem Blick auf die fach­li­che und wis­sen­schaft­li­che Qua­li­tät statt aufs per­sön­li­che Bank­konto.



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Gleich­wer­ti­ger Abschluss erst in eini­gen Jah­ren.
In den Nie­der­lan­den wer­den der­zeit die Abschlüsse von »Hoge­scho­len« unter die Lupe genom­men - und mit ers­ten Ände­run­gen ver­se­hen, sofern die Qua­li­tät stimmt....
Von »Hoge­scho­len« ist abzu­ra­ten.
Natür­lich ist ein Aus­lands­stu­dium eine tolle Erfah­rung. Aber was nützt es, wenn man dort im Ver­gleich zu »daheim« weni­ger lernt?...
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