Promotionsverfahren brauchen mehr Sicherheit.
Der Fall des ehemaligen Verteidigungsministers zu Guttenberg wirft die Frage auf, wie gut Doktorarbeiten – Dissertationen – in Deutschland geprüft werden. Immer wieder lenken Kommentatoren den Blick auf die Universität Bayreuth und auf das deutsche System der Promotionsverfahren überhaupt. Dabei gibt es in Nachbarländern längst andere Vorgehensweisen, die der deutschen Wissenschaft dienlich sein könnten.
Vorgehensweise in Deutschland.
Hierzulande wird eine Doktorarbeit nach dem Rigorosum oder Streitgespräch erst Monate oder auch Jahre später zur Veröffentlichung gebracht; und erst danach darf die akademische Bezeichnung geführt werden – siehe zum Verfahrensablauf: http://de.wikipedia.org/wiki/Promotion_(Doktor).
Vom »Doktorvater« plus dem Zweitgutachter geprüft, für gut befunden, ein abschließendes Kolloquium – diese Vorgehensweise führt dazu, dass jeder sich auf das Urteil der beiden Gutachter verlässt. So entdeckte erst nach einigen Jahren ein Rezensent der Guttenberg-Arbeit deren Mängel – Dissertationen kommen in Deutschland erst nach Verfahrensabschluss zur Veröffentlichung.
Vorgehensweise in den Niederlanden.
Bei unseren Nachbarn hingegen muss die Dissertation üblicherweise vor der öffentlichen (!) Verteidigung der Arbeit gedruckt sein – und zwar mit hinreichendem zeitlichem Abstand.
Nach den Gutachtern (»Doktorvater«) geht die Arbeit zur Prüfung zunächst an ein größeres Gremium, die Manuskriptkommission. Also nicht die beiden Gutachter, sondern diese Kommission entscheidet mit ihrer Prüfung über die letzten Schritte: die Dissertation muss gedruckt in ca. 30 bis 60 Exemplaren eingereicht werden – und zwar mehrere Wochen vor der Verteidigung der Arbeit. Parallel kann bereits die Publikation in einem wissenschaftlichen Fachverlag erfolgen.
Auf die einstündige Verteidigung, bei der eine Reihe von Opponenten aus der Promotionskommission den Kandidaten öffentlich befragen und an deren Ende im positiven Falle die sogleich wirksame Promotion erfolgt, weisen die Pressestellen der Universitäten vorab die Medien hin, unter Angabe der Publikationsform und des Erscheinungsdatums der Arbeit.
Dies ermöglicht es jedermann, noch vor der feierlichen Verteidigung Fehler zu finden und zu beanstanden. Jeder Promovierte kann als Opponent für die mündliche Verteidigungssitzung zugelassen werden.
Drei Instanzen prüfen, die Arbeit wird erst nach Drucklegung verteidigt.
So erlebte ich selbst die Stufen bis zur Promotion und so sehen die Promotionsordnungen der niederländischen Universitäten den Ablauf in der Regel vor:
- Der Promotor (»Doktorvater«) und i. d. R. ein zweiter Promotor, die beide den Prozess der Entstehung der Dissertation betreuend begleiten, prüfen nach Einreichung das Manuskript. Halten sie es noch nicht für doktorabel, geben sie es mit Empfehlungen an den Kandidaten zurück, ansonsten geben sie ein positives Votum ab.
- Eine Manuskriptkommission wird vom Fachbereich zusammengestellt, zu der i. d. R. auch Professoren anderer Universitäten gehören. Hält die Kommission das Manuskript mehrheitlich noch nicht für doktorabel, gibt sie es mit Begründung zurück, ansonsten gibt sie ein positives Votum ab.
- Aufgrund des positiven Votums der Manuskriptkommission gibt die Uni das Manuskript zum Druck frei und die Arbeit kann für jedermann zugänglich veröffentlicht werden. Der Kandidat liefert i. d. R. einige Dutzend Pflichtexemplare bei der Univerwaltung ab, die die Publikation auch anderen Universitäten zusendet.
- Der Fachbereich stellt eine Promotionskommission zusammen, die i. d. R. auch mit Professoren anderer Universitäten besetzt wird. Promovierte Nichtprofessoren können ebenfalls in die Promotionskommission berufen werden. Dieser Kommission obliegt die mündliche Prüfung in Form der öffentlichen Defensio. Es folgt eine kurze Beratung der Prüfer; bei erfolgreicher Prüfung wird sogleich die Doktorsbulle verliehen und der Kandidat wird vom Rector Magnificus als »Doktor« angesprochen. Der Titel ist ab dann sofort führbar.
Diese gestufte Vorgehensweise sichert meines Erachtens besser als das deutsche Prozedere die fachliche und wissenschaftliche Qualität bei der Erlangung des höchsten akademischen Grades.
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