Gleichwertiger Abschluss erst in einigen Jahren.

22. Aug. 2011 von Martin Gertler

In den Nie­der­landen wird der­zeit die ter­tiäre Bil­dung vom zu­stän­digen Staats­se­kretär Halbe Zi­jl­stra unter die Lupe ge­nommen - und mit ersten Än­de­rungen versehen.

Das große Pro­blem sind dort die oft­mals durch Fu­sionen enorm ge­wach­senen »Ho­ge­scholen«, wie z. B. Fontys, In­hol­land und Stenden. Die Ho­ge­scholen sind sämt­lich in nicht-staatlicher Hand und dürfen sich zwar in­zwi­schen im Aus­land »Uni­ver­sity of Ap­plied Sci­ences« nennen, ent­spre­chen je­doch in wis­sen­schaft­li­cher Hin­sicht noch nicht dem Qua­li­täts­stan­dard ähn­li­cher Ein­rich­tungen in an­deren eu­ro­päi­schen Ländern.

Neue Ak­kre­di­tie­rungs­kri­te­rien für wis­sen­schaft­liche Vergleichbarkeit.

In dem Do­ku­ment »Stra­te­gi­sche Agenda« wird von Staats­se­kretär Zi­jl­stra - pu­bli­ziert am 1. Juli 2011 - dar­ge­legt, dass die Ab­schlüsse »of Arts« und »of Sci­ence« künftig zwar auch von Ho­ge­scholen ver­geben werden dürfen, dass sie aber kei­nes­wegs für alle Hogeschool-Programme gelten werden: Nur wenn die na­tio­nale Ak­kre­di­tie­rungs­ein­rich­tung NVAO bei einem Ak­kre­di­tie­rungs­ver­fahren zu dem Schluss komme, dass diese Ab­schluss­be­zeich­nung für einen be­stimmten Stu­di­en­gang im in­ter­na­tio­nalen Kon­text pas­send sei, solle es der Bil­dungs­ein­rich­tung er­laubt werden, diese Ab­schluss­be­zeich­nung an­zu­wenden (s. S. 31).

Das ist somit nicht als eine ge­ne­relle »Frei­schal­tung« für die Ho­ge­scholen zu ver­stehen, die in Eu­ropa als wis­sen­schaft­liche Ab­schlüsse gel­tenden Be­zeich­nungen ver­geben zu dürfen.

Und das nie­der­län­di­sche Ka­bi­netts­pa­pier be­tont wei­terhin, dass der Un­ter­schied zwi­schen hö­herer Be­rufs­aus­bil­dung (HBO) und wis­sen­schaft­li­cher Lehre (Uni­ver­sität) wichtig sei und der Un­ter­schied zwi­schen Ho­ge­scholen und Uni­ver­si­täten in­ter­na­tional sichtbar bleiben werde, auch in den Abschlusszeugnissen.

Pro­blem: Zu wenig Wis­sen­schaft­lich­keit in der Dozentenschaft.

Zu er­in­nern sei in diesem Zu­sam­men­hang auch an die auf den Mit­tei­lungs­seiten des Mi­nis­te­riums OCW nach­les­baren und be­reits seit No­vember 2007 wie­der­holt er­ho­benen For­de­rungen, dass das Do­zen­ten­ni­veau an Ho­ge­scholen drin­gend höher liegen müsse.

So­lange eine Ho­ge­school nur über ge­rade mal 2 bis 3 Pro­zent Pro­mo­vierte unter den Do­zenten ver­fügt (Pro­fes­soren stehen ihnen eh nicht zu) und nur die Hälfte Mas­ter­ni­veau er­reicht hat, werden ihre Pro­dukte (Stu­di­en­gänge und Ab­schlüsse) genau nicht »im in­ter­na­tio­nalen Kon­text pas­send« sein können. Dort muss man (etwa in den deutsch­spra­chigen Län­dern und damit im größten Bil­dungs­feld Eu­ropas) an Fach­hoch­schulen für die Lehr­ver­an­stal­tungen stets mehr als 50 Pro­zent an Pro­mo­vierten und Pro­fes­soren vor­halten. Diese Res­sourcen prüfen in den deutsch­spra­chigen Län­dern die Ak­kre­di­tie­rungs­agen­turen - und an diesem Res­sour­cen­ver­gleich wird sich die NVAO künftig in ihren Re­ge­lungen ori­en­tieren müssen, wenn sie »im in­ter­na­tio­nalen Kon­text pas­send« be­stä­tigen soll. Das in­ter­na­tio­nale Ein­stu­fungs­büro »Nuffic« des nie­der­län­di­schen Mi­nis­te­riums hat be­reits Hin­weise auf ver­gleich­bare Stu­di­en­gänge zu­sam­men­ge­stellt – dem kom­menden Ver­gleich muss eine Ho­ge­school erst einmal qua Res­sourcen über­haupt stand­halten können.

Zen­trale Prü­fungen, mehr Kon­takt­stunden, we­niger Auswahl.

Nicht zu über­sehen sind in dem Do­ku­ment auch An­sätze des Staats­se­kre­tärs, durch die die HBO-Einrichtungen sogar noch weiter von Uni­ver­si­täten auf Ab­stand ge­bracht werden, etwa wenn auf S. 63 ge­for­dert wird, dass Kern­fä­cher künftig lan­des­weit ein­heit­lich ge­prüft werden sollen (Deut­sche wissen, was sie mit dem »Zen­tral­ab­itur« im Gym­na­sium be­kommen haben...) oder gar ex­terne Prüfer ein­zu­schalten seien, wobei Ar­beit­geber dabei stärker ein­be­zogen würden.

Solche Re­ge­lungen gibt es in Deutsch­land wie in den Nie­der­landen na­tür­lich an Schulen und Be­rufs­schulen, aber si­cher nicht an den wis­sen­schaft­lich ar­bei­tenden Hoch­schulen (dieses Wort schließt in Deutsch­land Fach­hoch­schulen und Uni­ver­si­täten ein), denn dies würde die ge­setz­liche Frei­heit von Lehre und For­schung un­zu­lässig einschränken.

Wer das Do­ku­ment des Staats­se­kre­tärs nüch­tern liest, für den ist un­über­sehbar, dass die Ho­ge­scholen noch mehr als bisher zen­tral ge­steuert werden sollen - wie man es mit Schulen macht. Nicht zu­letzt for­dert Zi­jl­stra auf der selben Seite eine hö­here Aus­bil­dungs­in­ten­sität (an Ho­ge­scholen sind es oft nur 10 Kon­takt­stunden pro Woche, wäh­rend in Deutsch­land der Stan­dard bei 20 - 30 Kon­takt­stunden liegt), mehr An­for­de­rungen an For­schungs­fer­tig­keiten im Cur­ri­culum (was ohne Pro­mo­vierte und ohne Pro­fes­soren un­rea­lis­tisch bleibt – kein wis­sen­schaft­lich fun­dierter Output ohne wis­sen­schaft­lich fun­dierten Input!) sowie eine Re­duk­tion der Ver­wal­tungs­kosten. Au­ßerdem solle das An­gebot an Aus­bil­dungs­gängen re­du­ziert werden.

Ehr­liche Bi­lanz: Der­zeit immer noch nicht gleichwertig.

Nach Lek­türe des nie­der­län­di­schen Do­ku­ments dürfte ei­gent­lich kein Jubel auf­kommen können - weder dort noch hier. Denn es bleibt festzuhalten:

  1. Das Mi­nis­te­rium OCW in den Haag be­trachtet die Ho­ge­scholen genau nicht als aka­de­mi­sche Ein­rich­tungen und will daher nicht ge­ne­rell, son­dern nur für be­son­dere Fälle, die von der NVAO in Ak­kre­di­tie­rungs­ver­fahren zu prüfen und zu be­stä­tigen sein werden, die Ver­lei­hung der aka­de­mi­schen Titel »of Arts« und »of Sci­ence« durch Ho­ge­scholen genehmigen.
  2. Die ersten Ab­sol­venten mit diesem Titel dürften in frü­hes­tens 5 Jahren auf dem Markt sein, denn Ak­kre­di­tie­rungs­ver­fahren brau­chen auch in den Nie­der­landen 1 Jahr und das Ba­che­lor­stu­dium dauert dort 4 Jahre. Au­ßerdem muss die Ge­set­zes­än­de­rung erst einmal vor­ge­legt werden und durch­kommen. Wer jetzt an einer Ho­ge­school ein­ge­schrieben ist oder sich jetzt (2011) dort ein­schreibt, wird den even­tu­ellen künf­tigen aka­de­mi­schen Ab­schluss auf jeden Fall nicht erlangen.
  3. Die in der Wer­bung für die Bil­dungs­an­ge­bote der Ho­ge­scholen ver­wen­dete Gleich­set­zung von »Ho­ge­school« mit »Fach­hoch­schule« ist mit dem ak­tu­ellen Plan des nie­der­län­di­schen Mi­nis­te­riums OCW, wo­nach man in jedem Ein­zel­fall auf in­ter­na­tio­nale Ab­schluss­ver­gleich­bar­keit hin bei den Ak­kre­di­tie­rungen über­prüfen wird und somit nicht eine ge­ne­relle Gleich­wer­tig­keit ge­geben sein kann, ge­gen­standslos geworden.

Eine Um­ti­tu­lie­rung be­ste­hender Stu­di­en­pro­gramme an Ho­ge­scholen wird es also nicht geben, und dies sollten die in Deutsch­land ak­tiven Werber der Ho­ge­scholen se­riö­ser­weise ihrem Markt nicht verschweigen.

Zudem sollten sie ehr­li­cher­weise dar­legen, dass die Ab­schlüsse von Ho­ge­scholen bis­lang und auch noch in den kom­menden Jahren nicht den deut­schen Hoch­schul­ab­schlüssen gleich­wertig sein können – lo­gi­scher­weise, denn sonst müsste man sie in den Nie­der­landen nicht ei­gens durch die na­tio­nale Ak­kre­di­tie­rungs­ein­rich­tung auf gleich­wer­tiges Ni­veau über­prüfen lassen, um da­nach erst über­haupt die Ge­neh­mi­gung zum glei­chen Ab­schluss er­halten zu können. Glei­ches gilt üb­ri­gens auch für die Mas­ter­ab­schlüsse, die an Ho­ge­scholen ver­geben werden.



Up­date


Am 31. Mai 2012 hat die deut­sche Kul­tus­mi­nis­ter­kon­fe­renz (KMK) zwar be­schlossen, dass auch In­ha­bern von Ba­che­l­or­ab­schlüssen (240 CP) einer nie­der­län­di­schen »Ho­ge­school« sowie von den äl­teren Ab­schlüssen »Ge­tu­ig­schrift HBO« der di­rekte Hoch­schul­zu­gang in Deutsch­land er­öffnet wird.

Der Be­schluss der KMK gip­felt al­ler­dings in diesem be­mer­kens­werten Satz:

»Die Hoch­schulen und Zeug­nisa­n­er­ken­nungs­stellen können von der Er­tei­lung einer auf den Hoch­schul­ab­schluss grün­denden Hoch­schul­zu­gangs­be­rech­ti­gung ab­sehen, wenn im kon­kreten Fall ein hin­rei­chender wis­sen­schaft­li­cher Cha­rakter der Aus­bil­dung frag­lich oder er­kennbar nicht vor­handen ist.«

Quelle: In­for­ma­ti­ons­portal zur An­er­ken­nung aus­län­di­scher Bil­dungs­ab­schlüsse »anabin« der KMK



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