074 | »Linden Lab (der Second Life-Betreiber, Anm.) agiert als diktatorischer Herrscher, der, ungleich einem demokratischen Staat, im Spiel keiner übergeordneten Gerichtsbarkeit unterliegt«, so Tim Feld, Berater und Zukunftsforscher bei Timelabs Management Consulting in Frankfurt. Und gemäß dem Medientheoretiker Peter Weibel ist Second Life gar »eine eingelöste Heilserwartung«, »das neue Leben vor dem Tod«.
Mehr als 750.000 Euro täglich werden inzwischen in dem Online-Spiel umgesetzt. Das macht die einen süchtig, die anderen reich. Und alles, was Recht sei, bestimmt der Betreiber der Plattform.
Hacker im Spiel
Peter Glaser: »Hacker in Second Life
Vor kurzem drohte die Ökonomie von Second Life aus den Fugen zu geraten. Hacker stellten eine – jedenfalls in Second Life – revolutionäre Möglichkeit zur Verfügung: das Kopieren. Aus Angst vor inflationär geklonten Produkten schlossen viele Anbieter virtueller Waren ihre Läden im ›Grid‹, wie Alteingesessene das Second-Life-Datenfeld nennen. Linden Lab entschuldigte sich bei der Community und änderte die Geschäftsbedingungen: Illegales Kopieren ist nun untersagt. Hitzige Debatten über Kopierschutz fanden im Internet bisher zwischen Unternehmen der Unterhaltungsindustrie und privaten Konsumenten statt. In Second Life – einer Welt, in der jeder mit ein paar Klicks ein digitaler Unternehmer werden kann – wird diese Auseinandersetzung jetzt individualisiert. Jeder wirft jedem vor, dass er kopiert.«
Der Herr der verspielten Dinge regelt nach Gusto, was zu regeln ist. Mitunter auch so, dass Betroffene per Gericht versuchen müssen, »investiertes« (also: verspieltes) Geld zurück zu erhalten.
Virtuelle Verbrechen und verlorenes Geld
»Kläger ist ein US-amerikanischer Rechtsanwalt der bei Second Life registriert war. Der findige Jurist hat einen Systemfehler in Second Life dazu ausgenutzt, ein Grundstück weit unter Marktwert zu kaufen. Nachdem er sodann in dieses mehrere tausend reale US-Dollar investiert hatte, versuchte er es zu einem marktüblichen Preis weiter zu verkaufen. Dabei wurde die Unregelmäßigkeit von der Betreiberfirma von Second Life ›Linden Lab‹ aus San Franzisko bemerkt. Als Sanktion wurde der Account des Juristen kommentarlos gelöscht, ohne dass das bereits investierte reale Geld berücksichtigt wurde. Der Anwalt sieht in der ›Enteignung‹ einen Verstoß gegen das ›Consumer Protection Law‹ und die ›Pennsylvania Fair Trade Practices‹ und reichte Klage ein. Der Kläger bringt vor, dass Linden Lab garantiert habe, dass die Spieler in Second Life reale Eigentümer der erworbenen oder hergestellten Sachen werden und somit über diese auch gewinnbringend verfügen dürfen. Die Löschung des Benutzer-Accounts stelle deswegen eine rechtswidrige Enteignung dar. Die allgemeinen Geschäftsbedingungen (AGB) von Linden Lab sehen vor, dass die Nutzer alle Urheberrechte an selbst erstellten oder veränderten Dingen haben. Nicht erfasst ist dabei das reale Eigentumsrecht an Geldvermögen. Die Spieler können zwar geduldet von Linden Lab darüber verfügen und dieses auch in echtes Geld umtauschen, im Zweifel behält sich der Anbieter jedoch die Verfügungsgewalt darüber vor.«
Mühsam müssen offenbar längst geltende Regeln des Zusammenlebens in diesen rechtsfreien Spiel-Raum hineingezwungen werden. Dort sollen Studenten »Online-Marketing lernen« können, wie inzwischen sogar manche Hochschuldozenten behaupten…?
Nazi-Laden eröffnet
Alles, was im wirklichen Leben nicht erlaubt ist, ist bei Second Life zunächst mal nicht verboten. Auch ein Nazi-Laden wurde problemlos eröffnet, wie der Schweizer Infodienst www.20minuten.ch berichtet:
»Wer sich in einen Laden namens ›Waffenamt – Germany Military‹ teleportieren lässt, findet dort eine ganze Menge Weltkriegs-Devotionalien, die zum Kauf angeboten werden. Der Laden ist ›geschmückt‹ mit Hakenkreuzen, in den Ecken stehen Kanister, die mit Zyklon B angeschrieben sind und in den Regalen findet sich ein ›SS-Totenkopf Honor Ring‹. Plakate mit Namen wie ›Der Jude‹, ›Flammenwerfer vor‹, ›Hitler With the Kids‹ und ›Schafft Waffen für die Front‹ können für eine Hand voll Linden-Dollars heruntergeladen werden.«
Fazit: Wer in diesem Online-Rollenspiel sich tummelt und dort gar einen »Ort« aufbaut, akzeptiert die »Gesetze« dieses rechtsfreien Raums – die Diktatur eines exempten Kommerzbetriebes. Zu lernen gibt es dort allenfalls, wie’s nicht geht…
This entry was posted on Samstag, März 3rd, 2007 at 19:32 and is filed under Hochschulen, Politik, Mediendesign, Internet, Dollar, Spielen, Kommerz, Second Life. You can follow any responses to this entry through the RSS 2.0 feed. You can leave a response, or trackback from your own site.
