Ausverkauf der Universitäten?

16. Jun. 2012 von Martin Gertler

Beim inzwi­schen drit­ten »Unbehagen«-Symposium, das Stu­die­rende der Uni­ver­si­tät für huma­nis­ti­sche Stu­dien (UvH) in Utrecht ver­an­stal­te­ten, ging es am 15. Juni 2012 um die Frage, ob die Uni­ver­si­tä­ten der­zeit ihren Aus­ver­kauf erleben.

Die Stu­die­ren­den kon­sta­tie­ren, dass man nicht mehr jah­re­lang stu­die­ren kann und dass Dozen­ten nicht mehr in unein­ge­schränk­ter Frei­heit for­schen kön­nen. An der umfas­sen­den Öko­no­mi­sie­rung der Gesell­schaft neh­men auch ihre Uni­ver­si­tä­ten teil. Wer­den diese nun zu Unter­neh­men, in denen Stu­die­rende und Dozen­ten nur noch quan­ti­ta­tiv nach Leis­tun­gen beur­teilt werden?

Zu die­sen sub­stan­ti­el­len Fra­gen hat­ten die Stu­die­ren­den, unter­stützt von einem Dozen­ten, unter­schied­li­che Gäste ein­ge­la­den. Jedoch waren keine Ver­tre­ter der Poli­tik der Ein­la­dung zum Sym­po­sium gefolgt.

Stu­den­ti­sche Keynote.

Zunächst fasste Myrte van de Klun­dert das Unbe­ha­gen zusam­men, das die Vor­be­rei­ten­den gemein­sam inven­ta­ri­siert hat­ten. Die Stu­den­tin kri­ti­sierte, dass an den Uni­ver­si­tä­ten alles quan­ti­fi­ziert werde, alles sei gere­gelt und werde gemes­sen, wobei der Stu­dent sogar vom bis­her zustän­di­gen Staats­se­kre­tär als »Pro­dukt« bezeich­net werde.

Der Wert des Stu­di­ums werde heute nicht mehr in der Qua­li­fi­zie­rung für Abs­trak­tion, Ana­lyse, Durch­blick und Inno­va­tion gese­hen, son­dern in öko­no­mi­schen Ter­men ausgedrückt.

»Angst­ha­sen, Oppor­tu­nis­ten und Trickser.«

Ed Vos­sel­man, Wirtschafts- und Manage­ment­pro­fes­sor an der Rad­boud Uni­ver­si­tät in Nij­me­gen, ver­tiefte diese Sicht­weise: An den Uni­ver­si­tä­ten domi­niere inzwi­schen die prin­zi­pi­elle Kunde-Lieferant-Beziehung.

Die neoliberal-ökonomische Theo­rie­bil­dung sei über­all anzu­tref­fen. Ihre »Beherrschungs-Phantasien« for­der­ten Trans­pa­renz, aber diese ver­heiße nur auf den ers­ten Blick etwas Posi­ti­ves und das könne allein für Außen­ste­hende so wahr­ge­nom­men wer­den: Wer »drin­nen« ist, leide hin­ge­gen am ihm vom Sys­tem ent­ge­gen­ge­brach­ten Misstrauen.

Eine »Angsthasen«-Kultur breite sich aus. Die Wis­sen­schaft­ler wie auch die Stu­die­ren­den wür­den dabei unfrei­wil­lig selbst zu Öko­no­men und als sol­che zu Oppor­tu­nis­ten und zu Tricksern.

Wis­sen­schaft­ler an den nie­der­län­di­schen Uni­ver­si­tä­ten müss­ten inzwi­schen durch flei­ßi­ges Publi­zie­ren in »Peer-Reviewed Jour­nals« ihren per­ma­nen­ten »75-Punkte-Status« hal­ten, ande­ren­falls müss­ten sie »zur Strafe« mehr Lehr­auf­ga­ben über­neh­men. Dabei werde allein die Zahl der Publi­ka­tio­nen gewer­tet, nicht aber deren Qua­li­tät und Relevanz.

Statt um die Inter­ak­tion gehe es in öko­no­misch bestimm­ten Sys­te­men um Trans­ak­tio­nen und um das Image. Das instru­men­telle Den­ken halte die Men­schen auf Abstand zuein­an­der, man for­sche an den Uni­ver­si­tä­ten eher aus Kar­rie­re­grün­den, nicht aber aus intrin­si­scher Motivation.

So stehe die Iden­ti­tät der Men­schen auf dem Spiel, denn Iden­ti­tät sei nicht gleich­zu­set­zen mit Struk­tur, son­dern sie werde durch unter­schied­li­che Fak­to­ren geformt; das Zuviel an exter­nen Kräf­ten führe mit­un­ter zum »crow­ding out«.

Eigen­ver­ant­wor­tung wahrnehmen.

Bald de Vries, Uni­ver­si­täts­do­zent an der Uni­ver­si­tät Utrecht, unter­strich in sei­ner Keynote die Eigen­ver­ant­wort­lich­keit der Stu­die­ren­den. Sie soll­ten - wie jetzt mit die­ser Ver­an­stal­tung - ihre Erwar­tun­gen an hoch­schu­li­sche Bil­dung einfordern.

Und von Dozen­ten for­derte er, dass sie wie­der die Kon­trolle über das Cur­ri­cu­lum über­näh­men und es nicht län­ger den kurs­fer­nen »Ver­wal­tern« über­las­sen sollten.

Wis­sen­schaft und Uni­ver­si­tät wur­den »eingewickelt«.

Hans Rad­der, Phi­lo­soph an der Freien Uni­ver­si­tät Ams­ter­dam, bezeich­nete in sei­nem Vor­trag die Öko­no­mi­sie­rung der Uni­ver­si­tä­ten als einen Pro­zess der »Einwicklung«.

Eine Anpas­sung an die umfas­sende soziale und öko­no­mi­sche Ent­wick­lung habe statt­ge­fun­den; wis­sen­schaft­li­che Akti­vi­tä­ten und ihre Ergeb­nisse wür­den zwar nicht aus­schließ­lich, aber doch pri­mär nach öko­no­mi­schen Kri­te­rien inter­pre­tiert und beurteilt.

Er kri­ti­sierte die Pra­xis der Hoch­schu­len und Lehr­stuhl­in­ha­ber, Patente zu erwer­ben und sich damit letzt­lich in Kon­kur­renz zu Wirt­schafts­un­ter­neh­men zu begeben.

Und er ver­wies auf den Inha­ber eines vom größ­ten nie­der­län­di­schen Milch­un­ter­neh­men gespon­ser­ten uni­ver­si­tä­ren Lehr­stuhls, der vor eini­gen Jah­ren For­schungs­er­geb­nisse publi­ziert hatte, die den Ver­zehr von Milch - erwar­tungs­ge­mäß - als gesund bezeichneten.

Fixie­rung auf natio­nale »Top­sek­to­ren« als Herausforderung.

Hans Alma, Rek­to­rin der UvH, infor­mierte in ihrem Vor­trag über die vom inzwi­schen zurück­ge­tre­te­nen nie­der­län­di­schen Kabi­nett fest­ge­leg­ten For­schungs­richt­li­nien für die Universitäten.

Sie seien mit dem Motto »Unter­neh­mens­po­li­tik in der Umset­zung« (»Bedrij­ven­be­leid in Uit­voering«) über­schrie­ben und skiz­zier­ten Leistungs- und Kon­troll­ver­pflich­tun­gen für die Uni­ver­si­tä­ten, die for­schend den dort gelis­te­ten »Top­sek­to­ren« der Wirt­schaft bei­zu­sprin­gen hät­ten - davon seien die staat­li­chen För­der­mit­tel für die For­schung abhän­gig gemacht worden.

Die UvH habe sich gemäß ihrer Mis­sion als welt­an­schau­li­che Uni­ver­si­tät, die sich für ein sinn­vol­les Leben in einer huma­nen Gesell­schaft enga­giere, die­ser für sie zunächst etwas fremd anmu­ten­den Erwar­tung aber nicht ver­schlos­sen, son­dern kon­krete For­schungs­vor­schläge gemacht, wie sie sich in durch­aus kri­ti­scher Weise mit den Fun­da­men­ten und Fol­gen jener »Top­sek­to­ren« aus­ein­an­der­set­zen werde.

Ort der freien Diskussionen.

In der nach­fol­gen­den Dis­kus­sion der Refe­ren­ten und der anwe­sen­den Stu­die­ren­den und Dozen­ten, gelei­tet von Gerty Lensvelt-Mulders, unter­strich die Rek­to­rin, dass durch diese Ver­an­stal­tung die UvH sich als ein Ort erweise, an dem frei und kri­tisch über gesell­schaft­li­che und poli­ti­sche Fra­gen dis­ku­tiert wer­den könne.

Auch machte sie deut­lich, dass die UvH sich zwar den öko­no­mi­sier­ten Bedin­gun­gen der Hoch­schul­land­schaft stel­len müsse, im Inne­ren aber die Frei­heit zur Inter­ak­tion wei­ter­hin garan­tie­ren und leben könne.

Das Sym­po­sium diente dazu, das Unbe­ha­gen von Stu­die­ren­den und Dozen­ten über die fort­schrei­tende Öko­no­mi­sie­rung der Uni­ver­si­tä­ten auf­zu­grei­fen. Dabei zeigte sich, dass es den Teil­neh­men­den vor allem um »Trans­for­ma­tion« ging, nicht um »Revo­lu­tion«, und dass an der UvH eine sinn­volle, not­wen­dige und kri­ti­sche Aus­ein­an­der­set­zung mit dem Öko­no­mis­mus unse­rer Zeit geführt wird.

Nicht zum »homo oeco­no­mi­cus« geworden.

Wenige Tage vor die­sem Sym­po­sium bewie­sen die Mit­glie­der der Uni­ver­si­tät für huma­nis­ti­sche Stu­dien auf beson­dere Weise, wie stark in ihrem Den­ken und Han­deln die Wert­schät­zung für den Men­schen ver­an­kert ist:

Mit einem beach­tens­wer­ten, selbst pro­du­zier­ten Musik­vi­deo ver­ab­schie­de­ten sie den bis­he­ri­gen Direk­tor für die Lehre in den Ruhestand.

In der ers­ten Minute des Videos dan­ken Rek­to­rin Prof. Dr. Hans Alma und Vor­stands­mit­glied Prof. Dr. Gerty Lensvelt-Mulders dem erkrank­ten Ruhe­ständ­ler für die gemein­same Zeit und für die blei­bende Prä­gung, die er der Uni­ver­si­tät hinterlässt.

Naht­los führt die Kamera den Betrach­ter dann in einem »Lip­dub« (Musik­vi­deo als Plan­se­quenz) durch das Uni­ver­si­täts­ge­bäude in Utrecht.

Musik: R.E.M., Shiny Happy People
Gesamt­dauer: 5 Min. 35 Sek.
Prä­di­kat: Abso­lut sehens­wert! :-)




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