Europäische Uni-Klassifizierung.

28. Jun. 2007 von Martin Gertler

Fach­hoch­schule, Kunst­hoch­schule, Uni­ver­si­tät – drei Kate­go­rien kennt die Hoch­schul­land­schaft in Deutsch­land und in man­chen ande­ren euro­päi­schen Län­dern, zumin­dest ist das Hoch­schul­sys­tem oft ähnlich geglie­dert. Eine nie­der­län­di­sche Unter­su­chung, finan­ziert im Rah­men des Socrates-Programms, zeigt einen Weg auf, wie die klas­si­sche Ein­tei­lung, die der heu­ti­gen Rea­li­tät der Hoch­schu­len nicht mehr gerecht wird, über­wun­den wer­den kann.

Die uni­ver­si­tä­ren Hoch­schul­leh­rer, die diese Unter­su­chung durch­führ­ten, waren sich sehr wohl bewusst, dass sie damit nicht gerade die Inter­es­sen ihrer eige­nen Hoch­schu­len ver­tra­ten – in den Nie­der­lan­den zieht das binäre Sys­tem aus wis­sen­schaft­li­chen Uni­ver­si­tä­ten und berufs­prak­tisch aus­ge­rich­te­ten Fach­hoch­schu­len nach wie vor tiefe Grä­ben zwi­schen den bei­den Lagern, und das mit gutem Grund: die nie­der­län­di­schen Hoge­scho­len sind keine wis­sen­schaft­li­chen Ein­rich­tun­gen wie z. B. die deut­schen Fachhochschulen.

Pro­jekt­lei­ter Prof. Dr. Frans van Vught – auf dem Foto in der Mitte, links von ihm José Manuel Bar­roso, Prä­si­dent der Euro­päi­schen Kom­mis­sion, bei der Eröff­nung des »Nether­lands house for Edu­ca­tion and Research«, Neth-Er, am 21. Februar 2007 – stellte in sei­nem For­schungs­be­richt her­aus, dass die Ver­schie­den­heit der Bil­dungs­ein­rich­tun­gen erhal­ten und sogar wei­ter aus­ge­baut wer­den soll. Die Euro­päi­sche Kom­mis­sion hatte das in den Jah­ren 2003 und 2005 bereits postuliert.

Van Vughts Pro­jekt­gruppe ent­warf ein Sze­na­rio, das sich grund­sätz­lich am US-amerikanischen Sys­tem der »Car­ne­gie Clas­si­fi­ca­tion« sowie an den Ent­wick­lun­gen in Groß­bri­tan­nien orientiert.

In den USA wer­den dabei unter­schied­li­che Klas­si­fi­ka­tio­nen ange­wandt, an denen man die Grund­la­gen einer Ein­rich­tung sowie die spe­zi­el­len Aus­rich­tun­gen und Dimen­sio­nen von Lehre und For­schung gut und schnell erken­nen kann; in Eng­land, wo die dama­li­gen Fach­hoch­schu­len (»Poly­tech­nics«) schon 1992 zu Uni­ver­si­tä­ten ernannt wur­den, kennt man immer­hin sie­ben Kategorien.

Klas­si­fi­zie­rung in den USA

Car­ne­gie lässt zum Bei­spiel die Flo­rida Gulf Coast Uni­ver­sity, die berufs­fel­dori­en­tiert arbei­tet, über­wie­gend Bache­lor­stu­di­en­gänge, wenige Mas­ter­stu­di­en­gänge und keine eige­nen Pro­mo­ti­ons­mög­lich­kei­ten kennt (bei uns also eher eine Fach­hoch­schule), so zuordnen:

Ein ande­res Bei­spiel sei hier die Uni­ver­sity of Flo­rida, die erkenn­bar als for­schende Uni­ver­si­tät ein­ge­schätzt wer­den kann:

Beide Insti­tu­tio­nen dür­fen sich Uni­ver­si­tät nen­nen; dank der Car­ne­gie Clas­si­fi­ca­tion kann aber jeder sofort erken­nen, wel­ches Ange­bot er dort erwar­ten kann.

Klas­si­fi­zie­rung für Europa

Für den Ent­wurf eines euro­päi­schen Klas­si­fi­ka­ti­ons­sys­tems leg­ten die For­scher zunächst fest, dass sich eine Typo­lo­gie von Hoch­schu­len an objek­ti­ven Daten über das gegen­wär­tige Ver­hal­ten der Ein­rich­tun­gen ori­en­tie­ren sollte, also a pos­te­riori, nicht an den Vor­ga­ben der jewei­li­gen Regie­run­gen und ihren a priori fest­ge­leg­ten Demar­ka­ti­ons­li­nien. Damit hat Van Vught einen Stein ins Rol­len gebracht, der über kurz oder lang zu einer Auf­gabe der bis­he­ri­gen Kate­go­rien (Fach­hoch­schule, Kunst­hoch­schule, Uni­ver­si­tät) füh­ren muss.

Die Gruppe kon­stru­ierte 4 Sche­mata, die sich auf Lehre, For­schung und Inno­va­tion, Pro­file der Stu­den­ten und der Mit­ar­bei­ter sowie auf die Insti­tu­tio­nen selbst bezie­hen:

Lehre

Art der Abschlüsse
Dort geht es um die ange­bo­te­nen Abschlüsse und ihre Wege dorthin.

Lehr­fä­cher
Dazu wird eine Liste der Fächer aus der ISCED-Struktur der Unesco verwendet.

Ori­en­tie­rung der Abschlüsse
Unter­schie­den wird zwi­schen aka­de­mi­scher, beruf­li­cher, kom­bi­nier­ter und nicht rele­van­ter Orientierung.

Euro­päi­sches Lehr­pro­fil
Indi­ka­to­ren sind Teil­nah­men an Pro­gram­men wie Socra­tes, Eras­mus, Tem­pus, Leo­nardo und Eras­mus Mundus.

For­schung und Innovation

For­schungs­in­ten­si­tät
Wis­sen­schaft­li­che und in den For­schungs­fel­dern the­ma­ti­sierte Publi­ka­tio­nen der Leh­ren­den wer­den dafür ermittelt.

Inno­va­ti­ons­in­ten­si­tät der For­schung
Ver­schie­dene Kri­te­rien wer­den ange­legt, etwa die Zahl der Start-up-Firmen, die Zahl der Patente, das Volu­men der For­schungs­ver­träge mit Wirt­schaft und Industrie.

Euro­päi­sches For­schungs­pro­fil
Die­ses Schema erfasst das Enga­ge­ment einer Ein­rich­tung in euro­päi­schen Forschungsprogrammen.

Pro­file der Stu­den­ten und der Mitarbeiter

Inter­na­tio­nale Ori­en­tie­rung
Dabei steht die Selbst­ver­pflich­tung einer Ein­rich­tung im Mit­tel­punkt, inter­na­tio­nale Stu­den­ten und Mit­ar­bei­ter zu gewinnen.

Ein­bin­dung in lebens­lan­ges Ler­nen
Indi­ka­to­ren sind die Anteile an erwach­se­nen und sich wei­ter­bil­den­den Teil­neh­mern in der Gesamt­heit der Studenten.

Insti­tu­tio­nelle Schemata

Größe
Erfasst wer­den dabei die ein­ge­schrie­be­nen Stu­den­ten, aber auch die Leh­ren­den und Mit­ar­bei­ter einer Hochschule.

Umset­zungs­for­men
Campus-basierte Lehre, Dis­tance Learning, örtli­cher Bezug, Filia­li­sie­rung sind vor­ge­se­hene Indikatoren.

Dienst­leis­tung für die Region / Gesell­schaft
Dazu wer­den vor allem Anteile der Arbeits­zeit der Mit­ar­bei­ter gewich­tet, die dem Ziel die­ses Sche­mas dienen.

Cha­rak­ter
Unter­schie­den wird zwi­schen öffent­li­cher und pri­va­ter Finanzierung.

Gesetz­li­cher Sta­tus
Unter­schie­den wird zwi­schen öffent­li­chem und pri­va­tem gesetz­li­chem Status.

Die Imple­men­tie­rung die­ses hoch­in­ter­es­san­ten Ent­wurfs steht aus; zunächst wird über eine Pilot­phase zu spre­chen sein.

Der Erd­rutsch wird kommen

Erkenn­bar wird, dass diese neue euro­päi­sche Klas­si­fi­zie­rung, die in Deutsch­land bis­her so gut wie gar nicht zur Kennt­nis genom­men wurde, gerade für unter­neh­me­risch aktive und inter­na­tio­nal ver­netzte Fach­hoch­schu­len eine wich­tige Per­spek­tive für die Zukunft bie­tet. Denn sie kön­nen sich bis­her typisch uni­ver­si­täre Ele­mente wie wis­sen­schaft­li­che Mas­ter­stu­di­en­gänge und For­schungs­grup­pen mit Pro­mo­ti­ons­mög­lich­kei­ten durch inter­na­tio­nale Koope­ra­tio­nen ins Haus holen.

Das ändert zwar gemäß den alten Struk­tu­ren und Gat­tungs­na­men zunächst nichts an ihrem Sta­tus. Aber mit der Ein­füh­rung der Van-Vught-schen Klas­si­fi­zie­rung wären sie für die Öffent­lich­keit, für Stu­di­en­in­ter­es­sen­ten und künf­tige Mit­ar­bei­ter auf jeden Fall sogleich als »neue Uni­ver­si­tä­ten« erkennbar.

Künf­tig wer­den sich alle Ein­rich­tun­gen gemäß ISCED-Level 5 und 6 als Uni­ver­si­tä­ten ver­ste­hen und bezeich­nen kön­nen. Ihre Viel­falt und Unter­scheid­bar­keit wird durch eine Klas­si­fi­zie­rung gewähr­leis­tet, die das kon­krete Ange­bot der jewei­li­gen Insti­tu­tion spie­gelt, und nicht mehr dadurch, wie bis­her üblich alle Ange­bote in gerade mal zwei, drei viel zu enge Schub­la­den zu zwängen.

PDF: For­schungs­be­richt



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