Did you know?

04. Nov. 2007 von Martin Gertler

Wer der­zeit die Web­site des Kom­merz­ra­dios radio538.nl auf­ruft, erfährt, dass man dort gerade »onder­zoek« orga­ni­siert, um die Web­site ver­bes­sern und ein kla­re­res Bild der Nut­zer zu erhal­ten. Nicht nur die Hoch­schul­welt hier­zu­lande, son­dern ganz Neder­land ist damit beschäf­tigt, dem fas­zi­nie­ren­den Begriff »onder­zoek« zu erlie­gen. Wel­che Bedeu­tun­gen hat die­ses Wort aber eigentlich?

Schaue ich bei der her­vor­ra­gen­den Web­site uitmuntend.de, dann ist diese Liste nur ein Teil der gezeig­ten Übersetzungsergebnisse:

het onder­zoek die Ermitt­lun­gen [p] [juristisch]
het onder­zoek / ond. die Unter­su­chung
het onder­zoek | de onder­zo­e­ken [p] die Stu­die | die Stu­dien [p]
het onder­zoek | de onder­zo­e­ken [p] die Prü­fung | die Prü­fun­gen [p]
het onder­zoek | de onder­zo­e­ken [p] die Recher­che | die Recher­chen [p]
het onder­zoek | de onder­zo­e­ken [p] das Ermitt­lungs­ver­fah­ren | die Ermitt­lungs­ver­fah­ren [p]
het onder­zoek | de onder­zo­e­ken [p] die For­schung | die For­schun­gen [p]
het onder­zoek | de onder­zo­e­ken [p] die Erfor­schung | die Erfor­schun­gen [p]
het onder­zoek | de onder­zo­e­ken [p] die Unter­su­chung | die Unter­su­chun­gen [p]
het onder­zoek | de onder­zo­e­ken [p] die Nach­for­schung | Nach­for­schun­gen [p]
het echo-onderzoek | de echo-onderzoeken [p] die Sono­gra­phie | die Sono­gra­phien [p]
het onder­zoek | de onder­zo­e­ken [p] die For­schungs­stu­die | die For­schungs­stu­dien [p]
het DNA-onderzoek | de DNA-onderzoeken [p] die DNS-Untersuchung | die DNS-Untersuchungen [p]
het onder­zoek | de onder­zo­e­ken [p] die For­schungs­ar­beit | die For­schungs­ar­bei­ten [p]
het actie-onderzoek | de acties-onderzoek [p] die Akti­ons­for­schung | die Akti­ons­for­schun­gen [p]
het onder­zoek | de onder­zo­e­ken [p] die Vor­or­ge­un­ter­su­chung | die Vor­or­ge­un­ter­su­chun­gen [p]
het echo-onderzoek | de echo-onderzoeken [p] die Ultraschall-Untersuchung / die Ultra­schall­un­ter­su­chung | die Ultraschall-Untersuchungen [p] / die Ultra­schall­un­ter­su­chun­gen [p]

onder­zoek ist nicht gleich onder­zoek

Wie unter­schei­det sich onder­zoek in einem Bache­lor­stu­di­en­gang von onder­zoek in einem Mas­ter­pro­jekt oder gar von onder­zoek als Wort für das Vor­ha­ben eines For­schers, der an sei­ner aka­de­mi­schen Dis­ser­ta­tion arbei­tet, um nach meh­re­ren Jah­ren pro­mo­viert wer­den zu können?

In einem Bache­lor­stu­dium an einer berufs­prak­tisch aus­ge­rich­te­ten Hoch­schule erfah­ren die Stu­die­ren­den eini­ges über For­schung, indem sie sich mit Model­len und Abs­trak­tio­nen beschäf­ti­gen, die selbst auf For­schung zurück­ge­hen. Außer­dem gehen sie erste Schritte, um zu erle­ben, wie es sich anfühlt, wenn man wis­sen­schaft­li­che Metho­den anwen­det. Auf­grund der Breite des Stu­di­ums wird aber in der Regel nicht wis­sen­schaft­lich und mehr­stu­fig gear­bei­tet, außer bei Minors bzw. einem dar­auf aus­ge­rich­te­ten Honours-Zusatzprogramm. Diplom-/Bachelorarbeiten unter­lie­gen meist nicht der Erwar­tung, sie seien wis­sen­schaft­lich fun­diert, son­dern sind eher eine Art Fel­der­kun­dung von Anwen­dungs­pro­ble­men / -the­men und wis­sen­schaft­li­chen Ant­wor­ten / Lösungsmöglichkeiten.

Mas­ter­stu­den­ten an einer berufs­prak­tisch aus­ge­rich­te­ten Hoch­schule set­zen gezielt wis­sen­schaft­li­che Metho­den ein, um zu eige­nen Ergeb­nis­sen in einem Unter­su­chungs­ge­biet zu gelan­gen, das stets kon­kret anwen­dungs­be­zo­gen ist. Dabei erhe­ben sie in der Regel selbst Daten durch Umfra­gen oder Mes­sun­gen und gelan­gen von dort aus zu ihren pra­xis­ori­en­tier­ten Ergeb­nis­sen. Es ist für Fach­hoch­schu­len nicht leicht, Mas­ter­stu­di­en­gänge akkre­di­tiert zu bekom­men, denn mit dem Mas­ter sind ihre Absol­ven­ten gemäß Bolo­gna (in Deutsch­land – nicht aber in allen EU-Ländern!) den Mas­ter­ab­sol­ven­ten von Uni­ver­si­tä­ten gleich­ge­stellt und kön­nen anschlie­ßend pro­mo­vie­ren. Da aber nur mit einem Mas­ter­an­ge­bot die Hoch­schu­len die Ziele von Bolo­gna erfül­len, kann ihnen die Ein­rich­tung von Mas­ter­an­ge­bo­ten nicht grund­sätz­lich unter­sagt werden.

Wis­sen­schaft­li­che Mas­ter­pro­gramme ori­en­tie­ren sich stär­ker auf ver­glei­chende und ver­tie­fende Stu­dien zu Model­len und Theo­rien, beschäf­ti­gen sich dabei beson­ders mit der Metho­den­fin­dung, prü­fen Vor­ge­hens­wei­sen auf ihre Taug­lich­keit für Anwen­dungs­fälle etc., hin­ge­gen weni­ger mit den kon­kre­ten Anwen­dungs­fäl­len selbst. Sie die­nen der Theo­rie­bil­dung und Theo­rie­prü­fung, berei­ten für die wei­tere For­schung (Pro­mo­tion) vor.

Eine Dok­tor­ar­beit ist eine wis­sen­schaft­li­che Unter­su­chung, sie ist in der Regel anwen­dungs­be­zo­gen, aber dabei von wis­sen­schaft­li­cher Strenge in der Vor­ge­hens­weise und nicht auf schnelle Ergeb­nisse, son­dern auf Genau­ig­keit und Mehr­stu­fig­keit sowie Inter­dis­zi­pli­na­ri­tät ori­en­tiert, zudem mit dem Anspruch ver­se­hen, einen erkenn­ba­ren Erkennt­nis­zu­wachs zu gene­rie­ren, der nicht mit jenen »posi­ti­ven Ergeb­nis­sen« ver­wech­selt wer­den darf, auf die sich kom­mer­zi­elle Unter­su­chun­gen oft­mals kon­zen­trie­ren müs­sen. Je nach Uni­ver­si­tät müs­sen zur Pro­mo­tion ent­we­der zusätz­li­che Semi­nare absol­viert wer­den, um das Rigo­ro­sum zu beste­hen, oder aber die Arbeit und die Vor­ge­hens­weise in der Defen­sio oder Dis­pu­ta­tio öffent­lich ver­tei­digt werden.

In den Nie­der­lan­den besteht ein tie­fe­rer Gra­ben zwi­schen den Sys­te­men Uni­ver­si­tät und Fach­hoch­schule (WO = Uni, HBO = FH) als in Deutsch­land. Nur die Bachelor- und Mas­ter­ab­schlüsse der Uni­ver­si­tä­ten wer­den in den Nie­der­lan­den mit dem Zusatz »of Arts« / »of Sci­ence« ver­se­hen – das deut­sche Hoch­schul­recht lässt darin bei­den Sys­te­men glei­cher­ma­ßen freie Wahl der Benen­nung (es gibt keine zwei Klas­sen von Mas­ter­ab­schlüs­sen in Deutsch­land; die Zusätze wer­den eher als Zei­chen für einen kon­se­ku­ti­ven Mas­ter benutzt, im Unter­schied zu nicht kon­se­ku­ti­ven Weiterbildungs-Mastern). Auch wird den FH-Masterabsolventen an den Uni­ver­si­tä­ten in den Nie­der­lan­den – anders als in Deutsch­land – der direkte Weg zur Pro­mo­tion ver­wehrt. Die Tech­ni­sche Uni­ver­si­tät Delft macht mit die­sem Schau­bild klar, dass der Weg zur Pro­mo­tion zum Dr. / Ph.D dort nur über einen Uni-Master (WO-Master) führt und dass ein dor­ti­ger FH-Master (HBO-Master) nicht den Weg dafür ebnet.

Die einen und die anderen

Anwen­dungs­be­zo­gene und wis­sen­schaft­li­che Unter­su­chun­gen – »onder­zoek« – ergän­zen und bedür­fen also ein­an­der. Die Anwen­der wer­den drin­gend gebraucht, um Lösun­gen für die Fra­gen und Pro­bleme der Pra­xis in Wirt­schaft und Ver­wal­tung zu fin­den; die Wis­sen­schaft­ler müs­sen dafür sor­gen, dass die Anwen­der mit immer bes­se­ren, immer schär­fe­ren Instru­men­ten arbei­ten können.

»Onder­zoek« leis­tet sicher auch der Zahn­arzt, wenn er uns nach zwei, drei genauen Bli­cken und einer Ver­mes­sung von Zahn und Zahn­fleisch einen Lösungs­vor­schlag unter­brei­tet. Oder die Wer­be­agen­tur, die Aus­schau hält nach bes­se­ren Erfolgs­kri­te­rien. Oder die Mar­ke­ting­ab­tei­lung, die nach Pro­duk­ten und Stra­te­gien der Kon­kur­ren­ten Aus­schau hält. All das ist dann aber die nicht wis­sen­schaft­li­che Weise von »onderzoek«.

Nicht jede »Dis­ser­ta­tion« ist eine solche

Wie schwie­rig ist es doch, »onder­zoek« / »Unter­su­chung« rich­tig ein­zu­ord­nen! Selbst bei den Abschluss­ar­bei­ten von Stu­di­en­gän­gen kom­men zuneh­mend sprach­li­che Unschär­fen auf. In Eng­land und lei­der auch an man­chen Hoch­schu­len der Nie­der­lande schrei­ben Dok­to­ran­den, Bachelor- und Mas­ter­stu­den­ten inzwi­schen glei­cher­ma­ßen eine »dis­ser­ta­tion«, obgleich die­ses Wort laut LEO nur für wirk­lich wis­sen­schaft­li­che Arbei­ten gilt.

In Deutsch­land hat man sich gott­lob auf »Dok­tor­ar­beit«, »Diplom­ar­beit«, »Bache­l­ort­he­sis« und »Mas­terthe­sis« fest­ge­legt, also eine Zusam­men­set­zung aus der Abschluss­klasse (Bache­lor oder Mas­ter) und dem Begriff »Arbeit« / »the­sis«, der für Abschluss­ar­beit steht.

Die »Dis­ser­ta­tion« steht im Wis­sen­schafts­land Deutsch­land ein­deu­tig nur für die Dok­tor­ar­beit. Aus dem angel­säch­si­schen Raum kom­men der­weil die Ver­wi­schun­gen in die Spra­che und damit auch in das Den­ken hinein.

Ein­deu­tig­keit bevor­zu­gen, Trenn­schärfe kultivieren!

Wie kann zukünf­tig noch unter­schie­den wer­den zwi­schen den Nuan­cen der Begriffe, wenn die der­zeit Her­an­wach­sen­den durch exten­si­ven Medi­en­kon­sum weni­ger in der fei­nen Unter­schei­dung der Geis­ter als in der Nütz­lich­keit der Ange­bote trai­niert werden?

Die­ser Film »Did you know?« macht zunächst etwas rat­los bei der Suche nach einer brauch­ba­ren Ant­wort. Junge Men­schen sind offen­bar inter­na­tio­nal zuneh­mend trai­niert auf schnelle, gebrauchs­fer­tige Medi­en­im­pulse. Ihr 1.000-$-Computer kann angeb­lich bald mehr leis­ten als ihr Gehirn.

Sie wer­den übri­gens, wie man­che Kul­tur­kri­ti­ker sagen, bewusst zu Medien-Konsumenten erzo­gen, um sie unkri­ti­scher zu machen, um sie bes­ser beherr­schen zu können.

Ange­sichts der mas­si­ven Zunahme an Kom­ple­xi­tät erlie­gen sie, trai­niert durch kurze schnelle Bot­schaf­ten via Mail und SMS, womög­lich einem prin­zi­pi­ell untaug­li­chen Gegen­kurs und suchen nach Sim­pli­fi­zie­rung. Die immer kom­ple­xere Welt wird dadurch schließ­lich nicht wirk­lich ein­fa­cher. Sie erscheint allen­falls einfacher.

Schon gar nicht glaub­haft sind Behaup­tun­gen der Bewun­de­rer der medi­en­be­ding­ten Ver­än­de­run­gen, dass sich der­zeit »der Wort­schatz erwei­tert«, und das auch noch expo­nen­ti­ell. Seit Jah­ren beob­achte ich statt­des­sen eine dra­ma­ti­sche Ver­küm­me­rung des Wort­schat­zes jun­ger Leute. Dass sich durch ihre stän­dig neuen Wort­schöp­fun­gen, meist Angli­zis­men, der so genannte all­ge­meine Wort­schatz erwei­tert, mag sta­tis­tisch regis­trier­bar sein, aber das kommt ja gerade nicht dem Indi­vi­duum zugute, das sich auf stän­dig neue Mode­wör­ter ein­las­sen zu müs­sen glaubt und dabei bis­he­rige Begriffe ver­lo­ren gehen lässt.

Wie also wol­len wir sol­che jun­gen Leute auf Auf­ga­ben vor­be­rei­ten, die man heute noch gar nicht ken­nen kann, die aber in Win­des­eile auf sie zukom­men – wenn nicht durch kon­se­quente Gründ­lich­keit, Wis­sen­schaft­lich­keit, Abs­trak­tion? Nicht weni­ger Kon­kre­ti­sie­ren, son­dern mehr Abstra­hie­ren…! Dafür wer­den unsere Stu­den­ten auch künf­tig – und zwar zuneh­mend – lesen, nach­den­ken und dif­fe­ren­zie­ren müs­sen. Und sie brau­chen dazu umso mehr aka­de­mi­sche, pro­mo­vierte Dozen­ten. »Did you know?«



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