151 | Wissenschaftliche Untersuchungen zum Treiben im virtuellen Leben versprechen die einen, Informationen und Begegnungen die anderen Hochschulen – bzw. einzelne Freaks, die dann mit dem Logo des Hauses bewaffnet im Neverland von Second Life »Hochschulen« aufstellen. Was erwartet den neugierigen Besucher nun, der einfach mal wissen will, was da los ist, nachdem die echten Medien auf diese Spielwelten aufmerksam gemacht haben? Eine Spurensuche in mehreren Folgen. Heute: FHM Bielefeld.
Nicht mehr ganz so neu ist die These, dass es Bielefeld eigentlich gar nicht gibt. Wer schon einmal dort war, hat sie selbst falsifiziert.
Nun setzen die aktiven IT-Profis der FHM (das ist in diesem Falle nicht das Kürzel einer schlüpfrigen Illustrierten, sondern einer privaten FH) eine neue These in die Welt: Es gibt eine »SL-Heimat« für Studierende einer Bielefelder Hochschule im Zweiten Leben! So laden sie auf der Website des realen Hauses zur Begegnung in der irrealen Welt nach diesem ersten Leben ein:

Nun, die Adresse ist angegeben, aber da meine Auto-Navi sie nicht finden mag, versuche ich es mit der Software, die jenes Zweite Leben erzeugt. Ich rufe die Suchmaske auf und finde unter “fhm”:

Na, das ist ja schon ein echter Fortschritt: Hier präsentiert sich die »FHM-Uni«. Glückwunsch zum Aufstieg zur wissenschaftlichen Hochschule!
Der blaue Knopf »Teleport« bringt meinen Avatar – ein echtes Muskelmännchen, wie man das in dieser Software haben muss, um nicht umgerannt zu werden – binnen weniger Sekunden zur Dependance dieser »Uni«.

Booooaaah ey! Welch ein Palast. Die Cote d’Azur kann da nicht mithalten… Auf dem Dach wartet der Hubschrauber, wohl um neue zahlende Kunden einzufliegen. Vor dem Haus stehen leere Liegestühle und es wabert ein ewiges Feuer, während sich die Palmen im Meereswind wiegen. Rechts hinten glüht die Wüste – Aussichten auf OWL 2020?…
Aber Vorsicht! Wer einen falschen Schritt macht, fällt in die Baugrube direkt davor. Auch im Zweiten Leben ist Platz offenbar rar.
Mein Muskelmännchen schaut durch die Seitenscheibe in den FHM-Palast und staunt, dass man hier offenbar studieren kann: eine wenngleich kleine Bibliothek ist dort aufgebaut, auf dem Schreib- oder Lesetisch wartet ein Globus.
Ein anderer Boy pirscht sich heran und fragt: »Studierst du hier?« Vergeblich: Muskelmännchen lässt sich nicht anbaggern.
Er weiß: in Second Life geht es fast nur noch um Sex oder um Geld. Oder um beides.

Ab zum Eingang, die Tür steht schließlich offen. Unser Muskelmännchen erwarten gleich zwei Marken: das vom Brausehersteller links auf dem Cola-Automaten und rechts das »Uni«-Logo. Zwei Weltmarken, die sich begegnen!

Muskelmännchen geht hinein und sieht, dass auf den Leinwänden die PowerPoints ablaufen, die man so zu den Infoveranstaltungen immer ablaufen lässt. Na prima! Die Infos fände er auf der Website der Fa. FHM einfacher, übersichtlicher und lesbarer. Aber er ist ja nur ein Avatar, er kann keine Webseiten aufrufen und es gibt ihn nur als reine Spielfigur in diesem großen virtuellen Sandkasten.
Bibliothek, Info-Charts und Sitzgelegenheiten: hier geht es primär um Informationen und Treffmöglichkeiten. »Vorlesungen« von Avatar zu Avatar werden offenbar nicht zelebriert – wozu auch. Ein für die Zielgruppe schick anmutendes Ambiente, es taumeln hier immerhin keine fast nackten oder gar als Tiere gestalteten Avatare herum, es gibt kein Kindergartenambiente und keinen surrealen Unsinn, der ratlos machen könnte. Außer: was bitte soll der Helikopter auf dem Dach einer »Uni«…?!?…
(Alle Bilder vom 12.4.2007)
Second Life in den News
Frankfurter Allgemeine Zeitung – »Second Life« verliert seine Unschuld
20min.ch – Virtueller Sex mit Kindern: Zwei SL-User identifiziert
This entry was posted on Samstag, Mai 12th, 2007 at 22:37 and is filed under Hochschulen, Internet, Medientechnik, Spielen, Kommerz, Second Life. You can follow any responses to this entry through the RSS 2.0 feed. You can leave a response, or trackback from your own site.

Ein amüsanter und netter Artikel, der aus FHM-Sicht noch etwas unterfüttert werden kann und sollte:
Diese virtuelle Dependance der FHM entstand im Rahmen eines E-Business-Seminars. Die Dependance war Treffpunkt und Ausgangspunkt für aktiv-teilhabende Ausflüge zu Unternehmensauftritten von z.B. Mazda, Mercedes oder IBM, um herauszufinden, warum Unternehmen hier aktiv sind. Ein Zeitungs-Artikel zum Seminar findet sich hier: http://webb24.de/eb/ultimo.jpg
Da das Seminar beendet ist, dient die Dependance derzeit nur als Infopunkt für interessierte Avatare. Auch dazu ein Zeitungsartikel, der SL als Medien-Hype mit einer bereits überschrittenen Spitze der überhöhten Erwartung sieht: http://webb24.de/eb/nw_artikel_11mai.jpg
Auch haben wir Second Life geprüft im Hinblick auf die Eignung für E-Learning und dazu auch innerhalb SL am Eduserv Foundation Symposium 2007 teilgenommen. Die optischen Arrangements, die durch die Medien gehen, lassen ja schon vermuten, dass Second Life viel für E-Learning zu bieten hätte. Aber: Die Frage „Virtual worlds, real learning?“ haben wir für uns an der FHM mit „No! Not yet.“ beantwortet.
Einige der Gründe seien genannt:
-technisch hohe Anforderung an Rechner und Bandbreite auf Studierendenseite,
-derzeit recht umständliche Übertragung der Sprache des Dozenten,
-Slideshow-Integration sehr umständlich,
-identifizierter Zugang zum Seminarraum schwer möglich
-instabile Server auf LindenLab-Seite
SL wird deshalb m. E. auch mittelfristig keine geeignete E-Learning-Plattform für eine Hochschule sein.
Wer im E-Learn-Bereich unterwegs ist, der kennt andere und weitaus bessere Plattformen für synchrone Konferenzen, zeitversetzte Diskussionen oder Lernmanagement. Die FHM setzt z.B. im berufsbegleitenden Studium seit Jahren erfolgreich auf Blended Learning: eine Kombination aus 40% Präsenzunterricht, 30% abendliches Online-Seminar (mit Learnlinc) und 30% WebBasedTraining (mit TraiNex). Weitere Infos zur FHM unter http://www.fhm-mittelstand.de oder Infos zum Thema E-Learn im Bereich „Links“ von http://www.trainings-online.de/start.htm
Schönen Gruß
Prof. Dr. Stefan Bieletzke
PS: Bin schon gespannt auf weitere Folgen „Hochschulen“ in Second Life.