162 | Eine Spurensuche in mehreren Folgen. Heute: RFH Köln.

Sowohl die RFH als auch ein in Sachen Second Life sehr aktiver freier Mitarbeiter der privaten Kölner Hochschule trommeln seit Monaten in unermüdlicher Folge mit Online-Meldungen für eine Präsenz in Second Life, in der auch sogenannte »Vorlesungen« angeboten werden.

Die Suche nach “rfh” ergibt jedoch keinen Hinweis, wie bei den vorherigen Suchen nach Hochschul-Präsenzen in diesem Online-Spiel, auf eine RFH-Präsenz, sondern auf ein »Erste Hilfe Tutorial« – was soll das sein?

Ein Tutorial ist normalerweise ein von einem Tutor begleiteter Kurs, der Schritt für Schritt und systematisch in etwas einführt. Folglich ist jenes »Erste Hilfe Tutorial« so etwas, das Fahrschüler absolvieren müssen, also ein Kurs für Erste Hilfe, die man in Notfällen zu leisten hat? Werden dort die Stabile Seitenlage und die Mund-zu-Mund-Beatmung geübt?

Offenbar hat die Texte jemand verfasst, der Deutsch als Fremdsprache kennt, selbst aber aus einem anderen Sprachraum stammt:

  • Dieses »Erste Hilfe Tutorial« könnte allenfalls »Erste-Hilfe-Tutorial« heißen, da es – anders als im Englischen – im Deutschen kein Nebeneinander von separaten Hauptwörtern gibt, sondern nur die Zusammenschreibung oder eine Verbindung durch Bindestriche (es heißt ja auch nicht »Curry Wurst«, »Straßen Belag« oder »Medien Wirtschaft«).
  • Auch gemäß neuester Rechtschreibung werden Hauptwörter noch groß geschrieben: »Tipps in Deutsch« müsste es richtig heißen.
  • »Multimedia Studenten« – Rechtschreibung: siehe oben.
  • Dass dann auch noch ein »der« zwischen Medienwirtschaft und RFH fehlt, verschleiert den Genetiv.

Der geneigte Besucher fragt sich nach dem Lesen und Betrachten erstaunt, warum diese Übersicht zwar in gebrochener Sprache, aber in ihren Farben so deutschtümelnd daherkommt, mit einem Verlauf in den Farben schwarz-rot-gold.

Und warum geht es in den aufgezählten Themen auch um Waffen? Braucht man die, wenn man Medienwirtschaft an der RFH studiert?

Muskelmännchen zieht los und steht unversehens vor einem Glaspalast, an dem das Logo der RFH prangt.

Im Inneren dieses Palastes, dessen Türen leider nicht offenstehen wie bei anderen virtuellen Hochschulpräsenzen in Second Life, trifft er auf Mutationen, mit denen ein unbefangener Besucher nicht rechnen würde. Avatare mit Flügeln und anderen tierhaften Anmutungen tauchen auf und hängen mitunter minutenlang, wie unter Drogen, wankend im Raum herum.

Das Bild zeigt übrigens, da es nicht skaliert wurde, den Charm der Grafik dieses seltsamen Spiels. Sie erinnert eher an Atari im letzten Jahrtausend als an Auflösungen und Farbtiefen des Jahres 2007…

Immerhin, hier ist mal wer! Das Trommeln hat sich gelohnt: während bei den anderen Präsenzen gähnende Leere herrscht, erwarten Muskelmännchen allerlei Gestalten. Sie müssen ihm ja nicht gefallen, aber sie stehen wenigstens nur herum, stellen nicht gleich lästige Fragen.

Und nicht nur das: Es gibt auch eine Menge zu bestaunen. Denn anders als bei der Präsenz der FHM geht es hier offensichtlich nicht so sehr um Beraten und Treffen, sondern um »Vorlesungen« und ferner um ratlos machende Effekte.

Welch ein Auditorium! Whowww…. Da drüben hält der Erbauer also seine »Vorlesungen«, sprich sein deutsches Tutorial in Erster Hilfe.

Eine wirklich akademische Vorlesung, wie man sie an Hochschulen im First Life erwarten darf, ist es denn auch wirklich nicht, wie jeder merkt, der sich die Zeit nimmt, die mitunter stundenlangen Sessions nachzuverfolgen, etwa diese:

    Mehr als eine Stunde lang wurde am 17. Mai (Christi Himmelfahrt) mit dem seitens der ausführenden Agentur Zuständigen über die Second-Life-Präsenz des prominenten und gut betuchten Herrn Calmund geredet. Die immerhin rund 32 »anwesenden« User erfuhren ohne Not jedes noch so kleine Detail über den Bau einer Insel, die nun auch noch ein Delphinbecken erhalten solle und zu der im übrigen für ein volles Jahr vorgeplante Aktionen bestünden, etc.

    Mehrmalige Nachfragen von Usern nach dem Grund für all diese Aktivitäten wurden ihrer Grundsätzlichkeit beraubt und als rein operationale Fragen etwa zum Investment beantwortet.

Nur positives Berichten über geldbringende Aktionen einer Agentur, keine Analyse, keine kritische Diskussion. Ist das Hochschule a la Köln heute, ist das die RFH?

Fragen über Fragen. Warum muss dieses ablenkende Bild da rechts im »Hörsaal« prangen? Mädel vor dem Spiegel, beim »Schönmachen« – ein Hinweis auf die stets notwendige Maske vor der Fernsehaufzeichnung? Nein, wohl auch nicht, denn dafür stünde eher das Pudern des Gesichts als das Bemalen der Lippen.

Da schau her, so entstehen Rätsel, die den aufmerksamen Avatar sicherlich ruckzuck ablenken bei der »Vorlesung«.

Die Fragen nehmen kein Ende beim Besuch dieser seltsamen Präsenz im Online-Spiel Second Life:

Welche Aussage trifft die nach einem Dollarzeichen greifende Handskulpktur in dieser Präsenz, die einer Hochschule gewidmet ist? Will der Erbauer so die Werte des Hauses wiedergeben? Und was bedeutet das gelangweilte »Ja und?«…?…

Das einzige anzutreffende Buch wird dort mit einer hektischen Laufschrift zitiert, die die Aussage »bla bla« trifft. Oh Mann, und Muskelmännchen dachte eben noch, es ginge hier um irgendwas mit Hochschule oder so.

Nochmal eine Deutsch-Infusion. Flagge zeigen?!?

Die WM ist doch schon längst vergessen… aber echte Fußballer hängen nun mal sehr an ihren Fähnchen.

Seltsamerweise taucht plötzlich diese Schrift über der Fahne auf:

Muskelmännchen ist nun völlig ratlos. Warum werden die Deutschen vermisst? Was soll eigentlich das ganze Deutschtümeln im Kontext der RFH?

Er fühlt sich allmählich unbehaglich. Der Hörsaalaufbau ist längst vergessen angesichts des Klimbims drumherum:

Betrachtet er das Szenario von links nach rechts, dann sieht er ein Spielzeugauto auf einem kreisrunden Geleise herumsausen, in der Mitte ist eine riesige Pistole in einem ebenfalls kreisrunden Loch aufgehängt und das kreisrunde Schild rechts deutet vermutlich auf einen Verkehrskindergarten.

Muskelmännchen kann nicht erkennen, warum das alles in einem virtuellen Gebäude mit der Aufgabe, für Erste-Hilfe-Maßnahmen auszubilden, und mit dem RFH-Logo daran seinen Platz haben sollte, und verzieht sich mit einem Kopfschütteln. Seit wann ist eine Hochschule ein Kindergarten?

Beim Weggehen wirft er noch schnell ein Blick auf die Tafeln des Erbauers des seltsamen Palastes der vielen Rätsel. Dort geht es um den Gebrauch des multimedialen Spiels.

Da bekanntlich die mit dieser Präsenz präsentierte RFH im Ersten Leben keine Erste-Hilfe-Kurse anbietet, kein Kindergarten ist, keine Waffen ausstellt und auch nicht mit schwarz-rot-goldenen Fahnen schwenkt, muss man sich fragen, warum hier ihr Logo prangt.

Es vermischen sich verschiedene Interessen – ein deutsches Tutorial (vermutlich ist gemeint: für die Nutzung von Second Life) wäre eher die Sache des Softwareanbieters selbst als die einer neutralen Hochschule – zu einem Gefüge, das nach Kindergarten aussieht und für die referenzierte Hochschule nicht die notwendige Seriosität bewahrt.

Zudem ist es nun einmal ohnehin nicht die Aufgabe einer Hochschule, Studenten mit Tutorials beizubringen, wie sie in einem Online-Spiel Erste Hilfe leisten können oder überhaupt mit einer bestimmten Software umgehen sollten, sondern sie zur kritischen und kompetenten Auseinandersetzung mit Sachverhalten, Kampagnen und Strategien zu bringen.

(Alle Bilder vom 12.4.2007)


Zuvor besucht:

  • Hochschulen in den Niederlanden. In dieser Spielsoftware prunken sie mit monumentalen und nicht einladenden Phantasiegebilden. Es gibt keinen Grund, sie anzusteuern.
  • FH Darmstadt. Wer sie im Zweiten Leben antreffen will, landet bloß auf einer kleinen Insel und steht da rum wie ein begossener Pudel. Recht geschehen!
  • FHM Bielefeld. Sie tritt in Second Life mit einer modernen Villa in einem karibischen Urlaubsambiente auf. Ihr Auftritt wirkt schick, nicht verwirrt. Es geht dabei offensichtlich um ein virtuelles Begegnungs- und Beratungszentrum.



Second Life in den News

net-tribune.de – Unternehmen laufen Second Life-Hype blind hinterher
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This entry was posted on Montag, Mai 21st, 2007 at 15:17 and is filed under Hochschulen, RFH, Internet, Medientechnik, Spielen, Kommerz, Second Life. You can follow any responses to this entry through the RSS 2.0 feed. You can leave a response, or trackback from your own site.

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