Promotionsrecht für Privat-Unis erschwert.

10. Jul. 2009 von Martin Gertler

Mit seinen »Emp­feh­lungen zur Ver­gabe des Pro­mo­ti­ons­rechts an nicht­staat­liche Hoch­schulen« vom 9. Juli 2009 hat der Wis­sen­schaftsrat enorme Hürden er­richtet, die sich nun­mehr für Hoch­schulen in pri­vater Trä­ger­schaft in Deutsch­land auftun. Für ei­nige von ihnen dürften diese »Emp­feh­lungen«, an denen keine Lan­des­re­gie­rung vor­bei­kommt, gar zum To­des­stoß werden.

In den letzten Jahren haben sich be­kannt­lich immer mehr klei­nere pri­vate Hoch­schulen eta­bliert, die aber nicht zu den Fach­hoch­schulen zählen, son­dern uni­ver­si­tären Status er­langten und dafür ent­spre­chende wis­sen­schaft­liche Stu­di­en­an­ge­bote vor­halten. Im Un­ter­schied zu den Fach­hoch­schulen müssen sie wis­sen­schaft­liche Mit­ar­beiter an Lehr­stühlen eta­blieren und ihre Pro­fes­soren mit uni­ver­si­tärem Lehr­de­putat ein­setzen, also de facto mit halber Stun­den­zahl zu­gunsten von For­schungs­vor­haben – zudem mit hö­herem Gehalt.

Von den Lan­des­mi­nis­te­rien werden diese Hoch­schulen bei der not­wen­digen Prü­fung der Pro­fes­so­ren­be­werber völlig zu Recht an­ge­halten, nur Ha­bi­li­tierte bzw. Kan­di­daten mit gleich­wer­tigen For­schungs­leis­tungen zur Er­nen­nung vor­zu­schlagen. Damit ent­steht aber eine Er­war­tung auf allen Seiten: die Hoch­schule darf nur Pro­fes­soren mit ex­zel­lentem For­schungs­profil an­werben – also wollen die Neu­pro­fes­soren na­tür­lich an dieser Hoch­schule auch das Pro­mo­ti­ons­recht vor­finden und aus­üben. Wie sonst sollten sie denn auch – ohne Dok­to­randen – hin­rei­chend dau­er­haft for­schen können?

Am gest­rigen 9. Juli 2009 ist die Welt der wis­sen­schaft­li­chen pri­vaten Hoch­schulen eine an­dere ge­worden: All das kann kaum mehr funk­tio­nieren, da jetzt die »Emp­feh­lungen« des Wis­sen­schafts­rats die Hürden so hoch ge­legt haben, dass kaum einer sie noch er­rei­chen und be­zwingen kann.

Ab diesem Tag droht den noch jungen pri­vaten wis­sen­schaft­li­chen Hoch­schulen in Deutsch­land der Exodus der Pro­fes­soren – und damit ihr Exitus.


Hürde Nr. 1: Ver­schie­dene Dis­zi­plinen notwendig.

Die Ent­schlie­ßung des Wis­sen­schafts­rats vom 9. Juli 2009 hält fest: »Mo­no­dis­zi­pli­näre Ein­rich­tungen können nur aus­nahms­weise die Ak­kre­di­tie­rung als einer Uni­ver­sität gleich­zu­stel­lende Hoch­schule mit Aus­sicht auf Er­folg an­streben.« Es sollen also Aus­nahmen mög­lich sein – aber sie sind so aus­ge­legt, dass de facto meh­rere un­ter­schied­liche Fa­kul­täten vor­handen sein müssten.

Klei­nere Privat-Unis sind aber ge­rade des­wegen stark, weil sie spe­zia­li­siert sind, was guter For­schung kei­nes­wegs im Wege steht. Für sie geht die Aus­sicht auf das Pro­mo­ti­ons­recht nun gegen Null.

Hürde Nr. 2: So­wohl Bachelor- als auch Masterstudiengänge.

Der Wis­sen­schaftsrat pos­tu­liert, was die Lan­des­mi­nis­te­rien bisher genau nicht for­derten: Es müssen neben Master-Studiengänge auch Bachelor-Studiengänge von einer pri­vaten Hoch­schule an­ge­boten werden, die das Pro­mo­ti­ons­recht er­langen will. Dazu lie­fert der Wis­sen­schaftsrat keine wirk­liche Be­grün­dung, son­dern be­ruft sich le­dig­lich auf ein »Prinzip«, sprich auf das bisher Gewohnte:

»Der Wis­sen­schaftsrat hält am Prinzip fest, keine reinen ‘Promotions-Hochschulen’ zu er­richten, son­dern wei­terhin die Pro­mo­tion nur an sol­chen Ein­rich­tungen zu er­mög­li­chen, die einen in­sti­tu­tio­nellen Auf­trag in der Lehre wahr­nehmen, der in der Regel durch um­fas­sende grund­stän­dige Stu­di­en­an­ge­bote nach­ge­wiesen wird.«

Grund­stän­dige Stu­di­en­an­ge­bote: das sind Ba­che­lor­stu­di­en­gänge. Für Mas­ter­schools, die sich etwa auf Go­ver­nance oder Dienst­leis­tungs­ma­nage­ment oder Busi­ness Ad­mi­nis­tra­tion oder sons­tige wis­sen­schaft­liche Wei­ter­bil­dung spe­zia­li­sert haben, ist damit die Aus­sicht auf das Pro­mo­ti­ons­recht, die in den An­trags­un­ter­lagen auf staat­liche Ge­neh­mi­gung der Hoch­schulen meist als Ziel­set­zung und gar Be­grün­dung des ge­samten Vor­ha­bens ent­halten ist, am 9. Juli 2009 zur Fata Mor­gana geworden.

Es wäre nicht ver­wun­der­lich, son­dern eher eine lo­gi­sche Folge, wenn nun­mehr die ent­spre­chenden Be­treiber, die zum Teil be­reits -zig Mil­lionen in ihre Hoch­schulen in­ves­tierten, an­ge­sichts der re­strik­tiven »Emp­feh­lungen« des Wis­sen­schafts­rats die ge­neh­mi­genden Lan­des­mi­nis­te­rien für die Folgen dieser neuen »Ge­schäfts­be­din­gungen« haftbar ma­chen würden.

Hürde Nr. 3: Be­fris­tung auf fünf Jahre.

Der Wis­sen­schaftsrat möchte das Pro­mo­ti­ons­recht an nicht­staat­li­chen Hoch­schulen be­fristen und es stets seiner ei­genen Wie­der­ak­kre­di­tie­rung un­ter­stellen. Gründe, warum das bei pri­vaten Hoch­schulen im Un­ter­schied zu staat­li­chen sein müsse, werden nicht genannt.

Denken wir doch einmal dar­über nach, was ein sol­ches Ansinnen in der Praxis be­deutet. Wenn etwa eine pri­vate Hoch­schule im Herbst 2009 das Pro­mo­ti­ons­recht für 5 Jahre er­langt, kann die Hoch­schule hurtig los­rennen und sich bis spä­tes­tens Sommer 2010 eine Hand­voll Dok­to­randen su­chen – da­nach aber schon nicht mehr. Denn jedes se­riöse Pro­mo­ti­ons­ver­fahren dauert in der Regel mind. 4 – 5 Jahre. Also, ab 2010 kann die Hoch­schule wegen der Be­fris­tung be­reits nie­mandem mehr zu­sagen, dass er von ihr zur Pro­mo­tion ge­bracht werden könnte! Wer sollte sich da noch für ein Pro­mo­ti­ons­stu­dium an­melden, wie sollte man da noch eine »Gra­duate School« be­treiben können?

Dies ist eine fa­tale »no-go«-Regelung, die keine dau­er­hafte For­schung und Be­wäh­rung der pri­vaten wis­sen­schaft­li­chen Hoch­schulen, ihrer Fa­kul­täten und Pro­fes­soren er­mög­licht, son­dern im Grunde eine nicht ver­tret­bare De­sta­bi­li­sie­rung für eine jede pri­vate Hoch­schule uni­ver­si­tären Ranges.

Schluss­fol­ge­rung: pri­vate Fach­hoch­schulen sind für den Wis­sen­schaftsrat of­fenbar noch o.k., aber pri­vate Unis mit Pro­mo­ti­ons­recht sind nicht mehr gewollt.

Hürde Nr. 4: Ver­pflich­tung auf Kooperation.

Der Wis­sen­schaftsrat er­hebt die Ko­ope­ra­tion einer pri­vaten Hoch­schule mit einer – in der Regel na­tür­lich staat­li­chen – Uni­ver­sität (die über das Pro­mo­ti­ons­recht ver­fügt) in seinen »Emp­feh­lungen« zur Vor­be­din­gung, um über­haupt das Pro­mo­ti­ons­recht er­halten zu können: Er sieht »frü­hes­tens 5 Jahre nach Grün­dung einer Hoch­schule und min­des­tens 3 Jahre nach dem Be­ginn einer re­gel­mä­ßigen Be­tei­li­gung an ko­ope­ra­tiven Pro­mo­ti­ons­ver­fahren ein ad­äquates Votum zur Ver­lei­hung des Pro­mo­ti­ons­rechts« als ge­geben an.

Die pri­vate wis­sen­schaft­liche Hoch­schule (dieser über­holte Be­griff ist noch in den bis­he­rigen Zu­las­sungs­be­scheiden der staat­li­chen An­er­ken­nung für Hoch­schulen uni­ver­si­tären Ranges an­zu­treffen und mag daher auch hier ver­wendet werden) muss also eine gön­ner­hafte Uni finden, bei der sich Pro­fes­soren be­reit finden, dem kleinen pri­vaten Bruder die Hand zu rei­chen und sie ein paar Jahre lang fest zu halten, damit der Kleine das ei­gen­stän­dige Laufen lernt…! Welche Fa­kultät und wel­cher Pro­fessor an den ge­ge­benen Uni­ver­si­täten soll denn aus wel­chen Gründen zu solch un­nö­tigem Mehr­auf­wand be­reit sein?

Würde man Sel­biges auch von der staat­li­chen Ge­neh­mi­gung von Diplom-, Bachelor- und Mas­ter­stu­di­en­gängen ge­for­dert haben, hätte man da auch immer erst einmal den be­reits Ap­pro­bierten zwin­gend die Va­ter­rolle zu­ge­schrieben – es gäbe gar keine pri­vaten Hoch­schulen in Deutschland!

Diese letzte For­de­rung des Wis­sen­schafts­rats legt den Schluss nahe, dass ihm im Grunde daran liegt, das Pro­mo­ti­ons­recht den in den letzten Jahren ge­star­teten Privat-Unis nicht mehr zu ermöglichen.

Lesen Sie selbst

des Wis­sen­schafts­rats.

Er­gän­zung 2010.

Wie ernst es dem Wis­sen­schaftsrat damit ist, dass er privat ge­tra­genen Hoch­schulen kein Pro­mo­ti­ons­recht mehr ge­statten will, zeigt seine Ent­schei­dung, das 2004 be­fristet ver­lie­hene und be­reits aus­ge­übte Pro­mo­ti­ons­recht der re­nom­mierten Frank­furt School of Fi­nance and Ma­nage­ment nicht zu ak­kre­di­tieren. Dies gab der Wis­sen­schaftsrat am 1. Fe­bruar 2010 bekannt.

Das zu­stän­dige Lan­des­mi­nis­te­rium in Wies­baden gab noch am selben Tag der Frank­furt School in einer ei­genen Pres­se­mit­tei­lung den­noch eine gute Per­spek­tive für die Ver­län­ge­rung des Pro­mo­ti­ons­rechts. Das musste es auch so tun, denn die Um­set­zung der Wissenschaftsrats-Beurteilung in eine mi­nis­te­ri­elle Rück­nahme des Pro­mo­ti­ons­rechts hätte für die Frank­furt School de­sas­tröse Folgen, damit auch für das Ministerium.

Dieses Vor­gehen des Wis­sen­schafts­rats ist nun­mehr als ein klares Si­gnal an alle Neu­grün­dungen wis­sen­schaft­li­cher Hoch­schulen zu ver­stehen, von jeg­li­chen Ab­sichten, das Pro­mo­ti­ons­recht an­zu­streben, von vorn­herein Ab­stand zu nehmen. Bei Neu­grün­dungen ma­chen die Mi­nis­te­rien in­zwi­schen die Ver­lei­hung des Pro­mo­ti­ons­rechts von einem vor­he­rigen po­si­tiven Votum des Wis­sen­schafts­rats ab­hängig – und das ist fortan nicht mehr zu erwarten.



Viel­leicht in­ter­es­siert Sie auch:

Sams­tags lernen? Klar!
Si­cher­lich ist in der jü­di­schen Tra­di­tion der Samstag ein Fei­ertag, aber des­wegen noch lange nicht in allen an­deren Kul­turen. Er­staun­li­cher­weise regt man sich nun ge­rade dar­über auf, dass in NRW sams­tags wieder die Schulen offen sein sollen…...
Ak­kre­di­tie­rung ver­sagt – staat­liche Ge­neh­mi­gung weg.
Der Wis­sen­schaftsrat hat einer in Berlin und Potsdam tä­tigen Hoch­schule die in­sti­tu­tio­nelle Ak­kre­di­tie­rung versagt......
Mehr Lehre? Bes­sere Lehre!
Der Wis­sen­schaftsrat kri­ti­siert in einem um­fang­rei­chen State­ment die Qua­lität der Lehre an deut­schen Hochschulen....



Kommentare