207 | Der sogenannte Bologna-Prozess hat zu wenig Veränderungen im deutschen Hochschulwesen bewirkt; eine innereuropäische Vereinheitlichung ist auf keiner Ebene feststellbar. Denn (1.) hat sich in Deutschland das veraltete Lehr-Denken nicht verändern können, (2.) müssen Professoren hierzulande zu viele Lehrstunden geben und können daher nicht hinreichend forschen und (3.) ist die Bezahlung der Professoren in Deutschland unter der Würde dieses Berufs.
2. Stunden-Input noch immer wichtiger als Studenten-Output?
Absurde Unterschiede zwischen dem deutschen und den benachbarten Hochschulsystemen erlebt der »Grenzgänger«. An einer englischen oder auch einer niederländischen Hochschule – ob Uni oder FH – haben die Studenten 8 bis max. 12 »Kontaktstunden« mit den Dozenten – in meinem Kölner Studiengang Mediendesign belehren wir die Studierenden Woche für Woche 24 (vierundzwanzig!) Stunden lang.
Der nach Bologna in den Blick geratene »Learning Outcome« ist bei einer solchen Stundenlast dann doch wieder nur der Wiederkäuer-Outcome, denn wie sollten wir Dozenten den durch so viel Kontaktzeiten ermüdeten Studierenden noch das ca. Zweifache unserer Kontaktzeiten an Arbeit aufhalsen, durch Hausarbeiten und Referate, wenn sie – ohne Studierlandschaft, ohne Campus – keine Möglichkeit zum ständigen Weiterstudieren in Lesesälen oder Bibliotheken haben? Es wird ein jeder Student nach einer Lehrveranstaltung wieder auf die Straße geschickt, weil der Raum für eine nächste »Vorlesung« benötigt wird…
Diese viel zu hohe Zahl an Semesterstunden hat Tradition in unserem Lande. Ein Marathon des Vorerzählens ergeht über die Studierenden – das geleitete Selbst-Erarbeiten, das Selbst-Erfahren entfällt dadurch hierzulande.
Offizielle Vorgaben hängen damit zusammen: Professoren müssen – das definieren die so genannten »Lehrverpflichtungsverordnungen« der zuständigen Landesministerien – nicht etwa so lehren, dass die Studierenden zu besonders guten Lernerfolgen kommen, sondern sie müssen einfach nur doppelt so viel Lehrstunden halten wie ihre internationalen Kollegen; als wäre das der Weisheit letzter Schluss. Masse war noch nie Klasse! Auch das BAFöG ist auf der Bananenschale der Quantitäten ausgerutscht: Nur wenn der Studiengang mindestens 20 SWS pro Semester anbietet, kommen die Studenten in den Genuss dieser Förderung.
Dieses quantitativ orientierte Denken führt genau in die falsche Richtung, wurde aber konsequent von allen Institutionen, die sich für die Erneuerung gemäß Bologna stark machen (mussten), nicht erkannt, nicht aufgegriffen, nicht durch alternative Konzepte ersetzt.
Wenn es schon um Zahlen geht, dann müssten sie neu bedacht und gerechnet werden. Die Studierenden bräuchten – zumindest an FHs – nur noch die Hälfte der Kontaktzeiten (SWS), dafür aber mehr kompetente Anleiter, die gar nicht immer Professoren sein müssten. Die Regel, dass – je nach Bundesland – 51 bis 60 Prozent der Lehrveranstaltungen an privaten FHs von hauptberuflichen Professoren durchgeführt werden müssen, schießt wieder daneben.
Mehr Professoren und weniger Lehrstunden wünschte sich der Vorsitzende des Deutschen Hochschulverbands, Bernhard Kempen, im DLF-Gespräch am 24. April 2007 mit Armin Himmelrath:
»Schauen Sie mal, in den Vereinigten Staaten von Amerika haben Professoren eine Lehrverpflichtung von fünf oder sechs Semesterwochenstunden, wir liegen in Deutschland mittlerweile bei neun. Und die Amerikaner sind hier ein gutes Vorbild. Sie machen nämlich deutlich, dass im Hörsaal nur dann exzellente Lehre möglich ist, wenn auch in der Forschung etwas geleistet wird. Das einfach auseinanderzudividieren und das Lehrdeputat weiter zu erhöhen, ist keine wirklich zielführende Lösung. Sie führt dazu, dass die Ausbildung qualitativ nachlassen wird und dass die Studenten dann nicht mehr das erleben, was sie erleben sollen, nämlich eine lebendige Forschung, die ihnen auf ihrem Lebensweg weiterhilft.«
Dem mag ich mich nur zu gern anschließen. Was der Vorsitzende der Universitätsprofessoren allerdings nicht erwähnt, ist die doppelt so hohe Lehrverpflichtung für Professoren an Fachhochschulen. Je nach Bundesland müssen sie 18 bis 19 Stunden Lehre absolvieren – für die von ihnen ebenfalls erwartete Forschung bleiben da weder Kraft noch Zeit.
Die Verordnungen über die Lehrverpflichtung bieten eigentlich Raum, für die Wahrnehmung besonderer Aufgaben mit weniger Lehrstunden eingesetzt zu werden; aber sie bieten auch Raum fürs Ausnutzen. So wird beispielsweise der Neuprofessor an einer staatlichen FH, der sich um den Aufbau und die Leitung eines Labors kümmert, mit einer 2-SWS-Kürzung bedacht (gemäß LVV § 6 Ziff. 2); und außerdem bekommt jeder eine grundsätzliche 2-SWS-Kürzung, weil er ja grundsätzlich auch immer Diplom-/Bachelorarbeiten zu betreuen hat (siehe LVV NRW, § 4 Ziff. 5). Dieser Neuprofessor an der staatlichen Hochschule bekommt also Freiraum von 4 SWS.
An privaten FHs werden solche vom Ministerium nicht ohne Grund vorgesehenen Kürzungen den Mitarbeitern gern vorenthalten: Man bekommt z. B. möglicherweise nicht die vorgesehene und ihm zustehende 2-SWS-Kürzung wegen der mind. 12 Diplombetreuungen, die man ihm zuteilt. Auch für die »Selbstverwaltung« wird kein ernstzunehmender Ausgleich gewährt: Als die ministerielle Verordnung 1999 in Kraft trat, schaffte der Gründer und Leiter einer Privat-FH die hochschulrechtlich relevante Position »Dekane« kurzerhand ab (sie erfährt laut Verordnung eine Kürzung um zwei Drittel, also von 18 auf 6 SWS, siehe LVV § 6 Ziff. 1) und ersetzte diese Aufgabe durch den netten Begriff »Studiengangsleiter«, den es im Hochschulrecht gar nicht gibt. Diesen zeitraubenden Zusatzjob bekommt der (einen oder auch mehrere Studiengänge) »leitende« Professor mit gerade mal 2 SWS Kürzung (gemäß LVV § 6 Ziff. 2) ausgeglichen: anderthalb Zeitstunden weniger Lehre als Ausgleich für sicherlich zwei wöchentliche Arbeitstage… Wie soll er da noch forschen und Praxiskontakte im Interesse der Studierenden pflegen können?
Das quantitativ orientierte Denken und Handeln stellt nichts sicher, sondern wird immer mehr zum Hindernis für eine gute Lehre.
Mehr Professoren und mehr Betreuung hält Prof. Kempen für notwendig: »Wir haben jetzt eine Betreuungsrelation von 1:60 in Deutschland, das heißt, ein Professor betreut 60 Studierende. In den USA haben wir im Vergleich 1:10. Da müssen wir besser werden, wir müssen da etwas tun, das geht nicht ohne Professorenstellen.«
Ein guter Wunsch. Aber eine Professorenlaufbahn, die in Deutschland immer noch quantitativ – in geleisteten SWS – gemessen und beurteilt wird, verliert zunehmend an Attraktivität und vor allem halt den internationalen Anschluss.
This entry was posted on Donnerstag, Juni 28th, 2007 at 00:10 and is filed under Hochschulen. You can follow any responses to this entry through the RSS 2.0 feed. You can leave a response, or trackback from your own site.
