Des Ministers Schachzug.

12. Jan. 2010 von Martin Gertler

Mit Hilfe einer Exper­ten­runde sucht der nie­der­län­di­sche Bil­dungs­mi­nis­ter Ronald Plas­terk der­zeit nach einer Alter­na­tive zum bis­he­ri­gen “binä­ren Sys­tem” – der pau­scha­len Unter­schei­dung zwi­schen Uni­ver­si­tä­ten und berufs­ori­en­tier­ten Stu­di­en­ein­rich­tun­gen. Die Uni­ver­si­tä­ten mau­ern – die “Hoge­scho­len” hin­ge­gen rei­ben sich die Hände, ver­mut­lich weil ihnen noch nicht klar gewor­den ist, dass ein dif­fe­ren­zier­tes Modell auf jeden Fall zunächst nur auf ihre Kos­ten geht – ja gehen muss.

In Deutsch­land steht eine Dif­fe­ren­zie­rung der Hoch­schul­ar­ten nicht zur Debatte, weil sie hier­zu­lande im Wesent­li­chen den glei­chen Qua­li­täts­maß­stä­ben genü­gen: Sie arbei­ten wis­sen­schaft­lich fun­diert und ihre Abschlüsse sind – ins­be­son­dere seit Ein­füh­rung der Bachelor-Master-Studiengänge – kom­pa­ti­bel. Für Unru­hen bei den Stu­die­ren­den und für Ver­än­de­run­gen sor­gen hier eher die Umset­zungs­pro­bleme der Studienformen.

In den Nie­der­lan­den hat man andere Sor­gen: Da gehen die Stu­die­ren­den nicht auf die Straße, son­dern da wird seit eini­gen Jah­ren von den meist pri­vat­recht­li­chen Hoch­schul­be­trei­bern immer wie­der die Frage nach dem Sinn und Bestand des binä­ren Hoch­schul­sys­tems gestellt – hie die tra­di­tio­nel­len und inter­na­tio­nal oft hoch geschätz­ten Uni­ver­si­tä­ten, dort die Ein­rich­tun­gen der höhe­ren Berufs­aus­bil­dung (HBO) namens “Hogescholen”.

Zwei Drit­tel der Stu­die­ren­den sind in den Nie­der­lan­den an die­sen Hoge­scho­len ein­ge­schrie­ben, nur ein Drit­tel besucht die Uni­ver­si­tä­ten. In Deutsch­land hin­ge­gen stu­die­ren fast drei Vier­tel an Uni­ver­si­tä­ten, aber nur gut ein Vier­tel an Fachhochschulen.

Sub­stan­ti­elle Unterschiede.

Beide Ein­rich­tungs­ar­ten fal­len inzwi­schen unter das­selbe Hoch­schul­ge­setz in den Nie­der­lan­den, aber qua Aus­rich­tung und Sub­stanz haben sie wenig gemein:

  • Die nie­der­län­di­schen Uni­ver­si­tä­ten zeich­nen sich durch wis­sen­schaft­li­che For­schung aus, die von Pro­fes­so­ren samt wis­sen­schaft­li­chem “Mit­tel­bau” rea­li­siert wird. Sie haben das Pro­mo­ti­ons­recht und ihre Stu­di­en­gänge schlie­ßen mit den in Europa inzwi­schen übli­chen Titeln wie Bache­lor / Mas­ter of Arts, of Edu­ca­tion und of Sci­ence ab.
  • Die Hoge­scho­len haben keine Pro­fes­so­ren; für ange­wandte For­schung sol­len dort “Lek­to­ren” sor­gen, die aber gar nicht als Leh­rende und Lei­tende in den Stu­di­en­gän­gen ver­an­kert sind. Inzwi­schen wird diese Posi­tion ver­wäs­sert, weil sich inzwi­schen sogar die nor­ma­len Berufs­schu­len mit “Lek­to­ren” zu schmü­cken begin­nen. Die HBO-Dozenten sind oft nicht ein­mal Aka­de­mi­ker. Diese Ein­rich­tun­gen bie­ten Bachelor-Studiengänge an, die ein Jahr län­ger dau­ern als an den Uni­ver­si­tä­ten. Sie dür­fen keine den Uni­ver­si­tä­ten und den deut­schen Fach­hoch­schu­len gleich­wer­ti­gen Stu­di­en­ab­schlüsse ver­lei­hen, son­dern da heißt es dann Bache­lor of Applied Arts oder gar Bache­lor of Tou­rism Manage­ment. In einer wei­ter abge­speck­ten Stu­di­en­form kön­nen Stu­die­rende auch nach zwei Jah­ren bereits mit einem Asso­ciate Degree die Ein­rich­tung ver­las­sen – einem ansons­ten in Europa nicht aner­kann­ten Abschluss. Die Mas­ter­ab­schlüsse der Hoge­scho­len eröff­nen fer­ner nicht den Zugang zur Pro­mo­tion, sie haben die glei­chen Restrik­tio­nen für die Abschluss­be­zeich­nung wie die Bache­l­or­pro­gramme und sind eben­falls nicht den deut­schen Hoch­schul­ab­schlüs­sen gleichwertig.

Doch gerade diese Hoge­scho­len, die oben­drein meist nicht von Aka­de­mi­kern und Hoch­schul­leh­rern, son­dern von Kauf­leu­ten gelei­tet wer­den, drän­gen nun danach, den Uni­ver­si­tä­ten gleich­ge­stellt zu wer­den. Dabei sind sie noch nicht ein­mal auf dem Niveau der Fach­hoch­schu­len im deutsch­spra­chi­gen Raum, die mit einer ganz ande­ren Sub­stanz und daher in einer tat­säch­li­chen Gleich­wer­tig­keit zur Uni­ver­si­tät arbei­ten, angekommen.

Den­noch erlaubte vor knapp zwei Jah­ren Minis­ter Ronald Plas­terk den HBO-Einrichtungen, sich wegen der inter­na­tio­na­len Anschluss­fä­hig­keit künf­tig “Uni­ver­sity of Applied Sci­en­ces” zu nen­nen. Das ehrende Eti­kett reichte man­chen Hogeschool-Betreibern aber nicht – sie bezeich­nen ihre Ein­rich­tung zumin­dest in ihren eng­lisch­spra­chi­gen Infor­ma­tio­nen gern als “Uni­ver­sity”, obgleich sie inter­na­tio­nal nur mit einem “Com­mu­nity Col­lege” gleich­ge­stellt ist, wie man es in den USA kennt.

Keine Gleich­stel­lung in Sicht.

Der jüngste Plan von Minis­ter Plas­terk, sich von der “Kom­mis­sion Veer­man” Ände­rungs­vor­schläge machen zu las­sen, die einen Übergang vom binä­ren zu einem dif­fe­ren­zier­ten Sys­tem ermög­li­chen sol­len, könnte sich als ein klu­ger Schach­zug erwei­sen, um die Ambi­tio­nen der aka­de­misch unzu­rei­chend auf­ge­stell­ten Hoge­scho­len kon­struk­tiv in die Pflicht zu neh­men – denn eine sol­che Dif­fe­ren­zie­rung kann genau nicht zu dem füh­ren, was die Hoge­scho­len bloß wol­len: eine Gleich­stel­lung mit den Universitäten.

Längst lie­gen ja in Brüs­sel Pläné für eine Dif­fe­ren­zie­rung der Hoch­schu­len in Europa in der Schub­lade – feder­füh­rend von einem Nie­der­län­der ent­wi­ckelt, näm­lich Prof. Dr. Frans van Vught, siehe auch den Bericht vom 26. Juni 2007 dazu in gertler.net. Und an die­sen Plä­nen, die mit den Klas­si­fi­zie­run­gen im USA-Hochschulsystem ver­gleich­bar sind, wird die Kom­mis­sion Veer­man nicht vor­bei­ge­hen können.

Aber sie wird zugleich – anders als es das Van-Vught-Modell nahe­le­gen würde – die Uni­ver­si­tä­ten und die Hoge­scho­len schon des­we­gen nicht in einen Topf wer­fen kön­nen, weil die Hoge­scho­len sub­stan­ti­ell so enorm weit von den Uni­ver­si­tä­ten ent­fernt sind. Dass Plas­terk nicht ein­fach das Van-Vught-Klassifizierungsmodell auf­ge­grif­fen hat, macht deut­lich, dass er die sub­stan­ti­el­len Unter­schiede in sei­nem Land klar vor Augen hat und kei­nes­falls eine insti­tu­tio­nelle Gleich­stel­lung und damit Ver­wäs­se­rung anstrebt.

Zu erwar­ten ist daher eine Skala, die die jet­zi­gen bei­den Bil­dungs­ein­rich­tun­gen in den Nie­der­lan­den zunächst ein­mal noch wei­ter von­ein­an­der ent­fernt – sicher­lich ver­se­hen mit der Mög­lich­keit, dass die Hoge­scho­len sich im Laufe der Jahre hoch­ar­bei­ten kön­nen, näher an die Uni­ver­si­tä­ten heran.

Hoge­scho­len sind (noch) nicht auf dem Stand von Fachhochschulen.

Um erst ein­mal über­haupt das deut­sche Fach­hoch­schul­ni­veau zu errei­chen, bräuchte es Jahre, gar Jahr­zehnte auf Sei­ten der Hoge­scho­len, wie diese Über­sicht verdeutlicht:

Fach­hoch­schu­len D Hoge­scho­len NL
Pro­fes­so­ren und Dozenten Pro­fes­so­ren (bis auf wenige Aus­nah­men pro­mo­viert) leis­ten i.d.R. 60 – 95 % der Lehr­ver­an­stal­tun­gen. Rest: Pro­mo­vierte und Bachelor- oder Masterniveau. Keine Pro­fes­so­ren. Dozen­ten­pro­fil i.d.R.: 1 – 5 % Pro­mo­vierte, 30 – 60 % Mas­ter­ni­veau. Rest: Bache­l­or­ni­veau und darunter.
Abschlüsse inter­na­tio­nal und den Uni­ver­si­tä­ten gleich­wer­tig (“of Arts” etc.)? Ja Nein
Bache­l­or­ab­schluss berech­tigt zum Wei­ter­stu­dium (Mas­ter) an Universitäten? Ja Nein
Mas­ter­ab­schluss berech­tigt zum Beginn eines Promotionsvorhabens? Ja Nein

In Deutsch­land hatte man nach Ein­füh­rung der Fach­hoch­schu­len zu Beginn der 70er Jahre sogleich die Wei­chen für die not­wen­dige aka­de­mi­sche Sub­stanz gestellt, indem die Qua­li­fi­ka­ti­ons­merk­male für Leh­rende und die Ein­stel­lungs­be­din­gun­gen Schritt für Schritt dar­auf­hin ange­ho­ben wurden.

In den Nie­der­lan­den, wo man gern vom Strand aus in die Ferne schaut, am liebs­ten weit in den angel­säch­si­schen Raum, hat man diese Ent­wick­lun­gen im angren­zen­den Nach­bar­land Deutsch­land aber offen­bar beharr­lich igno­riert. Dabei würde in den USA eine Hoge­school heu­ti­gen Zustands auch nicht Uni­ver­sity hei­ßen dür­fen, son­dern würde bei den Com­mu­nity Col­le­ges einsortiert.

Pro­ble­ma­tisch ist dabei noch, dass in den Nie­der­lan­den kein gesetz­li­cher Schutz für die aka­de­mi­schen Bezeich­nun­gen besteht – ein jeder kann sich da ohne minis­te­ri­elle Aner­ken­nung Pro­fes­sor und seine Ein­rich­tung Uni­ver­sity nen­nen, ohne dass ihm des­halb minis­te­ri­elle Sank­tio­nen und gar Straf­ver­fol­gung dro­hen, wie das in Deutsch­land und ande­ren Län­dern Euro­pas der Fall ist.

Hof­fen – statt Sorgen.

Man war­tet in den Nie­der­lan­den nun gespannt auf die Ergeb­nisse der Kom­mis­sion. Die Sor­gen man­cher Uni­ver­si­tä­ten in den Nie­der­lan­den, der Minis­ter würde den Stan­des­un­ter­schied zwi­schen Uni­ver­si­tät und Hoge­school auf­he­ben, wie sie gerade erst von der Rek­to­rin der Uni­ver­si­tät Ams­ter­dam vor­ge­tra­gen wur­den – siehe Sci­ence­guide NL – dürf­ten letzt­lich unbe­grün­det sein.

Es ist zu ver­mu­ten, ja zu hof­fen, dass die inter­na­tio­nal besetzte Kom­mis­sion Veer­man die nie­der­län­di­schen Inkon­sis­ten­zen und den enor­men Abstand zwi­schen Uni­ver­si­tät und Hoge­school vor Augen haben wird und die insti­tu­tio­nel­len Unter­schiede des­we­gen genau nicht auf­hebt, son­dern – schon um des Bil­dungs­ni­veaus im eige­nen Land und der inter­na­tio­na­len Kom­pa­ti­bi­li­tät der Abschlüsse wil­len – sie sinn­voll aus­dif­fe­ren­ziert und dazu einige wesent­li­che Dinge regelt:

  1. Defi­ni­tion hand­hab­ba­rer Kri­te­rien für die unter­schied­li­chen Bil­dungs­ein­rich­tun­gen und ihre Zuord­nun­gen (wo han­delt es sich um Hoge­scho­len, ab wo um Universitäten?),
  2. Abschaf­fung der depu­tats­lo­sen und oft frei­schwe­ben­den “Lek­to­rate”, die inter­na­tio­nal und im euro­päi­schen Raum unver­ständ­lich sind; statt­des­sen ver­ord­nete Ein­füh­rung von Pro­fes­su­ren an allen Hoge­scho­len (gemäß deut­schem FH-Vorbild) – ver­bun­den mit einer kla­ren Anhe­bung der Aka­de­mi­sie­rungs­quote für Hoge­scho­len, die vom nie­der­län­di­schen Kabi­nett im Novem­ber 2007 defi­niert wurde und im inter­na­tio­na­len Ver­gleich viel zu gering ange­setzt war,
  3. Valide Unter­schei­dung in den inter­na­tio­na­len (also eng­lisch­spra­chi­gen) Bezeich­nun­gen der Bil­dungs­ein­rich­tun­gen, dif­fe­ren­ziert nach a) “Com­mu­nity Col­lege” (oder ähnlich, um Kol­li­sio­nen mit den Berufs­schu­len zu ver­mei­den, die sich dort meist Col­lege nen­nen), b) “Uni­ver­sity of Applied Sci­en­ces” (sofern dort dank über­wie­gen­der Lehre durch Pro­fes­so­ren und Pro­mo­vierte auch tat­säch­lich von ange­wand­ter For­schung die Rede sein kann) und c) “Uni­ver­sity” (sofern dies inter­na­tio­nal, ins­be­son­dere mit Blick auf den euro­päi­schen Raum, gebo­ten ist),
  4. Abschied von allen “Extra­würs­ten”, die nicht zum Bologna-Prozess und sei­ner euro­päi­schen Ver­ein­heit­li­chung pas­sen: umge­hende Strei­chung von Asso­ciate Degree und ins Stu­dium inte­grier­ten Hono­urs-Degrees (auch diese gehö­ren nicht zum ter­tiä­ren Sys­tem in Deutsch­land) bei den Hoge­scho­len; Ermög­li­chung zur Ver­gabe von inter­na­tio­nal aner­kann­ten Abschlüs­sen durch Hoge­scho­len, sobald dort jeweils im Zuge der Aka­de­mi­sie­rung die inter­na­tio­nal gel­ten­den Kri­te­rien erfüllt sind.

Haupt­ziel von Plas­terks Ope­ra­tion wäre dann, dass die Hoge­scho­len durch sol­che stra­te­gi­schen Maß­nah­men gezwun­gen wür­den, inner­halb eines über­schau­ba­ren Zeit­raums – etwa der gerade begon­ne­nen Dekade – ihre momen­tane Unter­qua­li­fi­zie­rung zu über­win­den und Stufe für Stufe auf­zu­stei­gen, sich also durch eigene Leis­tung den Uni­ver­si­tä­ten anzu­nä­hern, anstatt sich durch ehren­volle Bezeich­nun­gen ledig­lich umzuetikettieren.

Ziel kann nicht sein, dass die Hoge­scho­len sich als den Uni­ver­si­tä­ten gleich­wer­tig füh­len und so auf­tre­ten kön­nen, denn sie sind es nicht.

Das binäre Sys­tem der ter­tiä­ren Bil­dung in den Nie­der­lan­den muss nach kla­ren Kri­te­rien mehr­stu­fig wer­den, nicht aber nach eng­li­schem Vor­bild (1991) sozu­sa­gen unter­schieds­los. Mit einem halb­ga­ren Ein­topf, mit einer Ver­wäs­se­rung der fak­ti­schen Unter­schiede würde sich das nie­der­län­di­sche Hoch­schul­sys­tem näm­lich voll­ends gegen­über sei­nen euro­päi­schen Nach­barn iso­lie­ren – mit schwer wie­gen­den Fol­gen ins­be­son­dere für die inter­na­tio­nale Repu­ta­tion der der­zei­ti­gen nie­der­län­di­schen Uni­ver­si­tä­ten. Herr Minis­ter Prof. Dr. Plas­terk: Sie sind am Zug…!



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