315 | Die beiden Gebäude der »CHN University Qatar« in Doha sind gar nicht so klein, wie ich vorher vermutete. Mehr als 400 Studenten bereiten sich derzeit auf einen Bachelorabschluss vor. Nun überlegen wir, wie es für sie weitergehen könnte – mit einem Masterstudium.

Wie eine Burg erscheint mir die Fassade der staatlich anerkannten Hochschule. In der feuchtheißen Luft des Oktobers wirkt sie besonders massiv.

Die Internationalität des Hauses zeigt sich draußen an den Fahnen, wie sie vor jeder CHN der Welt wehen, …

… und drinnen an den Studierenden aus unterschiedlichen Ländern und Kulturen, die wir in den Hörsälen, Seminarräumen und der »Study Landscape« antreffen können. Ganz hinten im Raum diskutieren zwei schwarz verschleierte Studentinnen, ein Student kommt offenbar aus herrschaftlichem Hause, andere treten mehr westlich auf – junge Menschen aus verschiedenen kulturellen Paradigmen mischen sich in den Studienkursen.

Diederik Krom, »President« der kleinen Hochschule, hat diese Tischanlagen im Computer-Labor selbst entworfen. So können die Studierenden mit ein wenig mehr Abstand zueinander arbeiten, man kann nicht gegenseitig jederzeit Einsicht nehmen, aber doch – wenn es um Zusammenarbeit geht – Einsicht gewähren.

Sjoerd Gehrels, der genauso wie ich zum ersten Mal in Qatar ist, nimmt unterdessen die Bibliothek unter die Lupe. Das System der Inventarisierung und Ausleihe ist noch nicht vollständig, die studierte Bibiothekarin hofft auf eine Lieferung der Software in wenigen Wochen.
Das Sortiment ist jedenfalls umfassend genug, sagt der Studiengangsleiter aus Leeuwarden. Er vollendet derzeit seine pädagogische Promotion an der Universität Sterling, England, und ist einer der erfahrensten CHN-Dozenten.

Auch einige weltbekannte Namen finden sich in der Bibliothek. »Wichtiger ist uns aber auf jeden Fall, dass wir wissenschaftliche und wissenschaftlich überprüfte Ansätze vermitteln, als dass wir uns mit ›Name-Dropping‹ beschäftigen,«, sagt Diederik Krom, der selbst bereits mehrere Universitätsabschlüsse erlangte. In dieser Hinsicht ist er wohl ebenso konservativ wie ich.

Wir setzen uns mit ihm (rechts im Bild) zu einer offenen Diskussion zusammen. »Was würde passieren, wenn du einen Kandidaten, den einer der Scheichs dir für das Masterstudium schickt, ablehnen musst, weil er nicht die Voraussetzungen erfüllt?« will ich wissen. »Dann kann ich den nicht wegschicken,« gibt Diederik zu, »aber ich kann ihn so lange – einschließlich Bachelorabschluss – studieren lassen, bis er ganz korrekt seinen Abschluss erreicht hat, selbst wenn das Ganze sechs Jahre lang dauert – denn man ist es hier gewohnt, sich Zeit zu lassen.«

Er fährt mit uns zum Lunch. Stolz berichtet er dabei, dass immerhin ein Viertel seiner Dozenten einen »Ph.D« (wissenschaftl. Doktortitel) erlangt habe.

Mit uns unterwegs ist Dr. Marina Gregoric, eine der Dozentinnen des Teams von Doha. Sie wird die Koordination des künftigen Masterprogramms der CHN University Qatar übernehmen und sich dabei regelmäßig mit Sjoerd Gehrels abstimmen.

Sie fotografiert uns – Sjoerd, Diederik und mich – nach dem gemeinsamen Lunch vor dem berühmten Pariser Café, das natürlich auch in Doha zu finden ist.

In der University erwartet uns kurz vor der Dämmerung ein einladendes Buffet. Diederik lädt Studenten, Dozenten und uns Gäste ein zu einem Info-Abend.

Sjoerd berichtet mit seiner Präsentation ausführlich über die CHN Leeuwarden und Qatar – und natürlich über die Masterprogramme, die wir in Friesland seit Jahren erfolgreich anbieten. Er gibt den Anwesenden die Idee des »Lifelong Learning« mit auf den Weg und erläutert die Vorzüge des Konzepts der CHN-Masterprogramme, die den Menschen und sein Zusammenarbeiten mit anderen Menschen zentral stellen – nicht den Profit.
Er verweist auf die Website unserer School of Graduate Studies und wir zeigen Ausschnitte aus den Videos, mit denen die CHN-Masterstudiengänge vorgestellt werden, allen voran den Leiter des Studiengangs Master of International Service Management, Klaes Eringa:
Danach erläutere ich unsere produktive, interaktive elektronische Lehr-/Lernumgebung und unterstreiche nochmals unseren Ansatz: »Wer wirklich gut mit anderen zusammen gemeinsame Ziele entwickelt und in ihr Erreichen investiert, der baut an einem nachhaltigen, beständigen Netzwerk und sichert damit die ökologischen, menschlichen und infolgedessen auch ökonomischen Ressourcen unserer Welt!«

Im Gespräch mit den Mitarbeitern und Studenten klingt die Begegnung aus.
Mir wird dabei bewusst, wie wichtig die Präsenz dieser CHN University Qatar im aufstrebenden Wüstenland ist…!
Die Akzeptanz anderer Kulturen, Denk- und Lebensweisen wird hier ein ganzes Studium lang Tag für Tag eingeübt. Das ist ein enorm wichtiger Beitrag zur Entwicklung der jungen Menschen, aber auch zur Entwicklung der Gesellschaft des Landes.
Wir rudern damit gegen den Strom in Politik und öffentlicher Meinung der letzten Jahre, der durch Ausgrenzung von Menschen anderer Religionen und Herkunft, durch Ablehnung anderer Lebens- und Beziehungsformen bestimmt ist.
Keine großen Zeichen werden an der CHN University Qatar gesetzt, keine Thesen verfasst, keine Grundsatzdiskussionen in den Sand gesetzt – stattdessen lebt hier eine konkrete Praxis, die friedensstiftend ist, weil sie Menschen zusammenführt und Tag für Tag miteinander lernen und arbeiten lässt, die einander ansonsten eher aus dem Weg gehen, vielleicht gar bekämpfen würden.
Ein westlicher Master in Arabien wird jedenfalls – das hat mir der kurze Besuch in Qatar gezeigt – dort ein wenig anders aussehen als bei uns, denn er wird andere Forschungsprojekte beinhalten, er wird seine in Doha, in der arabischen Welt relevanten Inhalte und Ziele bei jeder künftigen Masterthesis erfordern. Damit wollen wir uns sehr gern auch in Leeuwarden auseinandersetzen – und die Studenten in Qatar wiederum mit der Sicht- und Herangehensweise unserer jungen Forscher in Leeuwarden in Kontakt bringen.
Von diesem Austausch an Inhalten und Erfahrungen werden also auf Dauer alle profitieren können, die an den CHN-Masterprogrammen teilhaben.
This entry was posted on Montag, Oktober 29th, 2007 at 22:59 and is filed under Hochschulen, Stenden Hogeschool, Masterstudium, Qatar. You can follow any responses to this entry through the RSS 2.0 feed. You can leave a response, or trackback from your own site.
