175 | Feierliche Einrichtung eines neuen Lehrstuhls und Beauftragung des neuen Forschers an der CHN in Leeuwarden: am 1. Juni trat ein Ökonom sein Amt an, der durch sein ursprüngliches Studium als Ingenieur einen etwas anderen Zugang zur Volkswirtschaftslehre hat als jemand, der systemimmanent ökonomisiert.

»Die Prämien für soziale Sicherheit drücken den Lohn und erschweren es den Arbeitgebern, Mitarbeiter zu beschäftigen. Und doch sollte es ökonomisch attraktiv sein können, gesellschaftlich akzeptabel zu wirtschaften.« Mit dieser Vision startete der neue »Lektor« Piet van Elswijk seine Forschungs- und Lehrtätigkeit.

Gut eine Stunde lang verdeutlichte der neue Lehrstuhlinhaber sein Modell einer »Economie op mensenmaat« (Economy based on human standards). Der englische Begriff standards weist auf Piet van Elswijks Ingenieursdenken: In seiner ursprünglichen Zunft wird getestet und gemessen, kritische Werte werden als gefährliche Überschreitungen gekennzeichnet, sichere und produktive Werte als Standards gefasst.

Vorbesprechung (von rechts nach links): Jelma Dekker (Communications, CHN), Prof. Wil Albeda (früherer Sozialminister), Klaas-Wybo van der Hoek (stellv. Vorstandsvorsitzender, CHN), Piet van Elswijk (Lektor »Economie op mensenmaat«, CHN) und Robert Veenstra (Vorstandsvorsitzender, CHN).

Als ökonomischer Querdenker ist Piet van Elswijk in den Niederlanden bekannt. Seine Methode, die er mit einem eigenen Institut weiterentwickelt, ist naürlich nicht unumstritten: Der frühere Sozialminister Klaas van Vries erklärte den ungewöhnlichen Ansatz schon im Jahr 2000 als »unerwünscht«, da zu tiefgreifend. Dennoch konnte van Elswijk mit Experimenten in Groningen und Rotterdam die Effektivität seiner Modelle untermauern. Zwei friesische Gemeinden arbeiten inzwischen nach dem Modell des Prohef-Instituts von Piet van Elswijk.

»Arbeid ist ein Spitzensport geworden«, so Van Elswijk. Er deutet damit auf die enorme Produktivität, die Arbeitnehmer erreichen müssen, um die Lohnkosten zu decken. »Diese Produktivitätsforderung wird für viele zu hoch sein, trotz aller noblen Re-Integrierungsaktivitäten.«, denkt Van Elswijk. Seiner Meinung nach könnte das auch anders gehen.

In seiner »Economie op Mensenmaat« sinken die Lohnkosten, während die Nettolöhne sich nicht verändern. Infolgedessen können mehr Menschen arbeiten und es wird sogar mehr produziert. Es gibt mehr zu verteilen, der Wohlstand nimmt zu, die Last durch Arbeitslosenunterstützung geht zurück.

Warum wurde dieses Modell noch nicht eingeführt? »Große Veränderungen sind noch immer selten vorgekommen und sogleich Gemeingut geworden. Große Veräderungen bestehen offenbar zudem aus einer ganzen Reihe kleiner Schritte.«



Beim Empfang nach der Einsetzung des neuen Lehrstuhls: Piet van Elswijk, rechts, im Gespräch mit Dr. Omar Moufakkir (Lektor Tourism4Peace, CHN); links im Bild Dr. J. Keizer (Lektor für initiatives Unternehmen und Risikomanagement, Hogeschool Zuyd)

Der ungewöhnliche Ökonom erläuterte während seiner inauguralen Rede vier Thesen:

  • Die Lohnnebenkosten könnten in den Niederlanden auf ein Viertel sinken.
  • Marktwirkung ist eine Fiktion - und das ist auch gut so.
  • Eine niedrigere Arbeitsproduktivität ist gut für den Wohlstand.
  • Sozialabgaben über die Löhne zu erheben wirkt kontraproduktiv.

Seine Darlegungen führten zu viel Beifall und zu anhaltenden Diskussionen. Gerade an einer Hochschule, die erklärtermaßen »value driven« ist, wird über Themen wie Ökonomie mitunter anders nachgedacht als in Einrichtungen, die sich ohne reflektierte eigene Position allein der »Wissensvermittlung« widmen und damit systemimmanent die Werte des zu Erörternden gern prinzipiell unkritisch übernehmen.

Der neue Lektor ist – das bringt die Herkunft des stets messenden Ingenieurs mit sich – ein mit quantitativen Methoden arbeitender Forscher. Im eher auf qualitative Methoden ausgerichteten FH-Bereich setzt er damit universitäre Akzente, unterstützt durch einen Forschungskreis aus CHN-Dozenten und Externen.

Die Antrittsvorlesung »Economie op Mensenmaat« wurde den Teilnehmern der Veranstaltung als Sonderdruck übergeben.

Die inaugurale Rede wird auch in das Jahrbuch 2007 der CHN aufgenommen werden, das derzeit in Vorbereitung ist und dessen Redaktion mir anvertraut wurde. Wir werden in dem Jahrbuch aus der Arbeit der Lektoren und ihrer Forschungskreise berichten und dabei den Fokus auf die Mondialisierung legen. Auch Piets Ansätze gehören dort in die Diskussion. Ich freue mich auf diesen interessanten, volkswirtschaftlichen Impuls, auch und gerade weil er etwas für Querdenker ist!

So endete der sommerliche Abend der Inbetriebnahme des Lehrstuhls mit einem gemütlichen Ausklang und lebhaften Diskussionen im hochschuleigenen Lehrbetrieb Hotel Wyswert ****.

Piet, herzlich willkommen an Bord!

Was ist eigentlich ein »Lector«?

Als »Lector« werden in den Niederlanden Hochschullehrer an den mehr auf das Berufsfeld ausgerichteten Hochschulen bezeichnet; der Verband der wissenschaftlich ausgerichteten Universitäten hat dort bislang die Bezeichnung »Professor« erfolgreich sich selbst vorbehalten. Lektoren sind nicht mit deutschen FH-Professoren vergleichbar, die 18 Wochenstunden (SWS) lehren müssen und dadurch weder Zeit noch die Ausstattung für Forschung haben – Lektoren in den Niederlanden sind nach universitärem Vorbild Lehrstuhlinhaber, sie werden für ein genau definiertes Gebiet berufen, geben kaum Vorlesungen (ca. 4 bis 6 SWS), sie forschen praxisorientiert und leiten einen »Kenniskring«, einen Forschungskreis, der sich aus Dozenten der jeweiligen Hochschule und aus Externen zusammensetzt.

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