202 | Der sogenannte Bologna-Prozess hat zu wenig Veränderungen im deutschen Hochschulwesen bewirkt; eine innereuropäische Vereinheitlichung ist auf keiner Ebene feststellbar. Denn (1.) hat sich in Deutschland das veraltete Lehr-Denken nicht verändern können, (2.) müssen Professoren hierzulande zu viele Lehrstunden geben und können daher nicht hinreichend forschen und (3.) ist die Bezahlung der Professoren in Deutschland unter der Würde dieses Berufs.
1. Alter Wein und Nürnberger Trichter
Die Orientierung deutscher Hochschulen an der Quantität statt an der Qualität konnte der gerade hierzulande so unglaublich mühsame Prozess der Einführung der Bachelor-Master-Struktur bislang nicht beseitigen.
Quantität: alle denken noch immer zuerst in Zahlen. Wie viele Stunden hat ein Fach / ein Modul? Wie wird es am Schluss für die Endnote gewichtet? Wie kann ich mir am einfachsten den Stoff »anpauken« für die Klausur, wo passen am besten die Spickzettel hin? Wie kommt man möglichst einfach an eine gute Note (indem man das wiederkäut, was der Dozent hören oder lesen will)? Wie viele Stunden muss ein Professor »lesen«? Wie hoch dürfen die Gebühren ausfallen?
Somit bedeutet Quantitätsdenken für die einen, die studieren wollen sollten, dass sie mit minimalem Einsatz zu maximalem Ergebnis kommen – oder auch bloß zum Minimum, wenn nicht einmal mehr die Note zählt, sondern nur noch der bestandene Schein. Und für die anderen, die dozieren wollen, bedeutet es, dass sie vor lauter Stundenlast nach dem bequemsten Weg suchen, durch Deputatsnachlässe und alternative Lehrformen die Mühle des ständigen Vortragenmüssens des Immerselben erträglich zu gestalten. Professoren vor allem an FHs haben in jedem Semester die selben Fächer vor immer neuen Leuten vorzutragen; Schullehrer haben immerhin Schuljahre…
Das Workload- und Output-Denken – den neuen Wein – können sich Professoren nicht zu eigen machen in einer Umgebung, die immer noch nach dem Prinzip des Nürnberger Trichters vorgeht und dieses veraltete »Lehren« auch noch als Norm hochhält. Also landet der neue Wein in alten Schläuchen und schmeckt dann auch sogleich modrig. Auf dem Papier ist zwar zu lesen, dass ein Methodenwechsel, ja ein Paradigmenwechsel stattfinden müsse, aber niemand bringt den Professoren bei, wie das aussehen könnte, folglich machen sie so weiter wie bisher. Zentral steht schließlich immer noch bei der Evaluation eines Dozenten, was er »einbringt« in den Nürnberger Trichter, nicht aber, was die Studenten aus den Lehrveranstaltungen und den damit zu verknüpfenden Aufgaben »herausholen« und mitnehmen.
Solchen Fragen stellen sich, auch öffentlich, beispielsweise die niederländischen Hochschulen. Das »neue Lehren« wird debattiert. Die bei uns stets gern zitierten und zur Norm erhobenen, aber nirgendwo definierten »Seminaristischen Vorlesungen« entpuppen sich als Nebelkerze, denn auch dort zählt immer noch bloß das Vorgetragene des Dozenten statt das Erreichte des Studenten.
In den Niederlanden hingegen haben die Hochschulen längst das Problembasierte Lernen etabliert; in kleinen Gruppen von bis zu 10 Studenten plus Coach wird dort systematisch das Lösen von Problemen trainiert, begleitend aber auch stets abstrahiert. Vor lauter Begeisterung für diese Methode wird mancherorts vielleicht übersehen, dass grundlegende Vorlesungen vorab unerlässlich sind und gründlicher Input zunächst den Boden für das Bewältigen der 7-Sprung-Methode bereiten müsste. Doch solche Curriculum-Korken lassen sich zeitnah ziehen. Entscheidend ist eine Ausrichtung gemäß den heutigen Erkenntnissen der Didaktik, die weder Rückschritt noch Stillstand verheißt.
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