Martin Gertler | 13. Dezember 2007, 00:00 Uhr

366 | Ein aufschlussreiches Streitgespräch mit einem Professor und zwei Studentinnen produzierte (und redigierte) die »Zeit« für ihre Leser.

Ein paar Glanzlichter des Artikels:

Professor: … Ich würde bei zeitunglesenden Kollegen ausflippen. Aber ich flippe auch aus, wenn Studierende im Hörsaal das Gleiche tun. Das nehme ich nicht hin. Ich gehe dann zu ihnen und sage: »Ist das nicht nervig für Sie beim Zeitunglesen, wenn ich da vorn immer sabbele?« Vor drei Jahren wurden die Studenten noch puterrot. Heute sagen sie rotzig: »Was geht denn Sie das an? Wenn Sie damit nicht leben können, dann suchen Sie sich halt einen anderen Job!« Mit einem unerträglichen Selbstbewusstsein verstehen viele Studenten Lehrveranstaltungen falsch: als Performance, bei der vorn ein Unterhaltungsclown ein Feuerwerk abbrennt.

Studentin: … Dass die Referate schlecht sind, liegt aber oft an den Studenten: In der Erziehungswissenschaft sitzen viele, die Lehrer werden wollen, weil ihnen nichts Besseres eingefallen ist. Die können beim Referat noch nicht mal ihren Kommilitonen in die Augen blicken. Wie soll denn das in der Schule werden, wenn denen 30 Schüler auf der Nase herumtanzen? Solche Referate sind für mich vertane Zeit. Aber ich werde auch wütend: Warum haben nicht genügend Professoren das Rückgrat, den Studenten zu sagen, dass sie sich die Berufswahl noch mal überlegen sollten? Die meisten Professoren geben kritiklos jedem eine gute Note.

Professor: … Man muss schon sehr viel leisten, um überhaupt von einer Berufungskommission diskutiert zu werden. Der Weg zur Professur ist hoch risikoreich. Allerdings vertraut das System darauf, dass jemand mit 60 noch wie wild publiziert, lehrt und Forschungsanträge stellt, bloß weil er das mit 40 getan hat. Ich unterstelle jedem, der in die Wissenschaft geht, ein Streben nach Unsterblichkeit – man will es eben nicht nur in Kürschners Gelehrtenkalender schaffen, sondern in den Brockhaus. Doch irgendwann geben sie auf, weil sie nicht gut genug sind oder es zu anstrengend finden. Dann merken sie: Sie kommen auch ohne großen Einsatz durch den Tag.

Studentin: … Professoren umgeben sich häufig mit einer Blase der Arroganz. Sie signalisieren den Studenten, dass man nur hoch qualifizierte Fragen stellen darf – und wehe, man hat nicht ihre Doktorarbeit und Habilitationsschrift gelesen! Ich überlege mir vor einer Sprechstunde, welche kluge Frage ich stellen kann. Gerade wer als Ersti an eine Uni kommt, erlebt erst mal eine ganz feindliche Welt.

Professor: »Ersti«! Wenn ich das schon höre! Studenten nennen sich Studis, sogar die Hochbegabten der Studienstiftung des deutschen Volkes nennen sich Stiftis. Diese sprachliche Selbstinfantilisierung ist bedenklich. Am Beginn des Semesters ist ganz Marburg ein Spielplatz mit »Ersti-Rallyes«. Ich habe das Gefühl, ich bin in einer Kiddie-Veranstaltung! Diese Party-Studi-Ersti-Sprachkultur führt zur Selbstverkleinerung!

Das Streitgespräch

Druckvorschau
Per Email versenden