403 | Vor wenigen Jahren war da, wo nun mein Hotel und der angegliederte Golfclub samt 18-Loch-Anlage zu finden sind, nichts, also Savanne. Heute bin ich hier umgeben von vielen alten Menschen, die sich fragen, wie das alles weitergehen soll.
Letzter Frühstückkaffee dieses Morgens samt Orangensaft auf der Terrasse; hinter ein paar Stellwänden wird gerade unter gelegentlichem Lärm eine neue Rampe für die Nutzung von Rollstühlen und Rollatoren hinunter zum Golfplatz betoniert.

Ein älterer, dürrer Mann, der gerade irgendwelche Zahlen von Hand korrigierte, fragt mich, wo ich herkomme. Geboren in Deutschland? Oh, er war 1958 in Nürnberg stationiert, und dann war er noch in Schwäbisch Hall und in Stuttgart, und sein Schiff hatte in Bremerhaven angelegt, aber Norddeutschland kannte er sonst nicht. Klar, die amerikanische Besatzungszone war ja im Süden. Es sei eine tolle Zeit gewesen in Germany.
In der kalten Jahreszeit genießt er inzwischen in einem Appartment um die Ecke die Wärme Floridas, lebt ansonsten mehr im Norden der USA. Aber dass das Benzin inzwischen so teuer geworden ist…! 3,45 Dollar pro Gallone in Florida, daheim sei der Preis noch gerade unter 3 Dollar. Und in Europa? »Da sind Sie nun mit uns fast gleichauf!«, lache ich, »Viele Jahre lang beneideten wir Euch um die niedrigen Energiepreise. Das ist aber nun vorbei.«
Auch das Brot… 3,70 Dollar für ein geschnittenes Brot (das mich in Leeuwarden ca. 1,30 Euro kosten würde) ist ein normaler Preis in diesem Land. Senior versteht nicht, wie jemand mit normalen Stundensätzen das alles in Florida noch zahlen kann.
Ich verkneife mir die Frage, warum er und all die anderen in diesem Kontinent nicht längst Sturm laufen gegen den Kriegspolitiker, der ihnen das alles eingebrockt hat. Die Not ist wohl noch lange nicht so groß, dass jemand hierzulande auf revolutionäre Gedanken käme.
In Deutschland wird in den Bezahlmedien immer noch zu wenig Notiz genommen vom wirtschaftlichen Absturz der USA, und das ist gefährlich, denn auch wir Europäer werden mehr und mehr mit in den Strudel gerissen.
Immer noch träumt der Springer-Verlag (der nach den merkwürdigen »Terroranschlägen« des 11.9.2001 alle Mitarbeiter auf eine unbedingte und unkritische Treue gegenüber dem Nationalfreund USA verpflichtete) davon, dass die Frau des Kriegsherrn Bill Clinton besser an der Spitze Amerikas stehen sollte. Über Barack Obama, der momentan Frau Clinton hinter sich lässt, mault das Blatt:
»Das Entzücken über Obama hält nicht an
Amerika macht einen großen Fehler, hatten Clintons Berater bei dem Pressefrühstück gesagt. Obama sei für den Republikaner John McCain, was 1972 George McGovern für Richard Nixon gewesen sei – ein redegewaltiger, aber politisch viel zu weit links stehender Antikriegs-Kandidat. Mit ihm gehe die Wahl gegen McCain verloren. Das Entzücken über Obama werde nicht reichen, und auch nicht anhalten. Kürzlich fragte der Talkmaster Chris Matthews einen Obama-Unterstützer aus Texas, einen Kongressabgeordneten, welche politische Leistung Obamas er aus dem Stegreif nennen könne. Der Abgeordnete schwieg vor laufender Kamera und kratzte sich auf hartnäckiges Nachfragen am Kopf. Matthews, ein Parteigänger Clintons, genoss es. Die Szene versetzte den Clinton-Stab in helle Aufregung. Da! Er ist doch für Blinde zu sehen, der Graben, in den McCain Obama stoßen wird!«
Wenig Visionäres bei der Redaktion jener Zeitung – und wenig Vision auch bei den Menschen, die mich in Florida umgeben. Sie wurden auf Konsum und auf Krieg getrimmt. Jeder darf hier mit Waffen rumlaufen und inzwischen jeden totschießen, von dem sich anschließend glaubwürdig behaupten lässt, dass man sich von ihm bedroht fühlte. Und die hiesigen Religionen und Konfessionen unterstützen diese tödliche Weltsicht sogar, fast ausnahmslos.
Kann Barack Obama dort etwas verändern…?
»Yes we can«
Ein Musikvideo mit Obama-Aussagen. Und das Bemerkenswerte: der »Star« setzt nicht irgendein amerikanisches, unehrliches Lächeln auf (wie der derzeitige Amtsinhaber, der noch dümmlich grinst, wenn er über die zweifelhaften Erfolge seiner Gewaltaktionen berichtet), sondern guckt echt und ernst in diese heruntergekommene Welt.
Mein Chef zeigt seine Position
Robert Veenstra begegnete in Cincinnati Barack Obama. Der hatte sich in Jura an der Harvard Business School qualifiziert, die zuvor immer nur Weißen eine Chance gegeben hatte. Er zeichnete sich nicht einmal durch Bestnoten aus, aber durch seine Überzeugungskraft.
Glaube ich ihm mehr als anderen US-Politikern…? Das weiß ich noch nicht. Aber dass Robert und sein inzwischen guter Freund Stephen Covey sich offenbar für Barack Obama entschieden haben und sich mit ihm treffen, finde ich doch sehr bemerkenswert:

Von links nach rechts: Nancy L. Zimper, President University of Cincinnati – Barack Obama – Stephen R. Covey, Buchautor und Leadership-Guru – Robert Veenstra, President Stenden University, Leeuwarden
Stephen R. Covey habe ich nicht persönlich, aber über seine Bücher kennengelernt, die in den Niederlanden wie in den USA Bestseller sind (in Deutschland weniger). Der wertekonservative Mormone Covey unterstellt, dass jemand erst einmal sich selbst ändern und optimieren muss, bevor er es als Vorgesetzter von anderen erwarten kann – dies ist eine mir sympathische Grundüberlegung, die ich auch von Franziskus kenne.
Und dass Robert, mein Chef, sich dem Kandidaten Obama zuwendet, der zumindest momentan als Symbol für Friedfertigkeit und für die Überwindung aller Grenzen durch Herkunft und Hautfarbe steht, freut mich sehr, denn das passt zu unserer Hochschule mit ihrer christlichen Herkunft, und es freut mich auch angesichts der Verzweiflungen mancher Menschen, die ich parallel gerade in Florida erlebe.
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