430 | Eine der bedeutendsten deutschen Tageszeitungen, die FAZ, berichtet über das Studium an der Stenden Hogeschool in Emmen:
Studieren in den Niederlanden
Kofferpacken für den Bachelor
Von Uta Jungmann
11. April 2008
„Wenn ich schon Wirtschaft International studiere, warum dann nicht gleich im Ausland?“ Das waren Frank Röttgers Gedanken vor knapp vier Jahren. Dann hat er seine Koffer gepackt – ab in die Niederlande, hieß es für ihn. Genauer: an die Stenden Hogeschool in Emmen nahe der deutschen Grenze bei Meppen. Dort hat er den Bachelor „International Business and Languages“ belegt, kurz IBL, und ist mit einem Sprachkurs ins Studium gestartet. „Niederländisch ist für Deutsche superleicht zu lernen, gerade wenn man in Holland lebt“, berichtet der 24 Jahre junge Mann. „Nach acht Wochen versteht man bereits die Vorlesungen.“
Schon bald konnte Röttgers, der aus Papenburg in Niedersachsen stammt, sich auch aktiv in der neuen Sprache verständigen. „Ich habe immer Leute bewundert, die mehrere Sprachen sprechen“, verrät er. „Dazu wollte ich auch gehören.“ Die Verbindung von Wirtschaft und Sprachen in Emmen kam ihm da gerade recht – auch wenn er dafür jährlich rund 1500 Euro Studiengebühren zahlen musste und sein WG-Zimmer in der Kleinstadt auf dem platten Land deutlich mehr als auf der deutschen Seite kostete. „Mit Ferienjobs und der Unterstützung meiner Eltern habe ich das Studium finanziert“, berichtet er. „Zudem wurden mir die Gebühren zum Teil zurück erstattet.“

Unterrichtsmethode mit System
Nach dem Niederländischen lernte Röttgers Spanisch. „Die zweite Weltsprache“, begründet er seine Wahl. Doch von der Welt hat er zunächst nicht viel gesehen: Im ersten und zweiten Studienjahr ist er oft erst spät abends vom Lernen nach Hause gekommen, meist hat er lange mit seiner Arbeitsgruppe über Aufgaben gegrübelt, die das Thema einer Studienperiode vertiefen sollten. „Problemgesteuerter Unterricht“ heißt diese Methode, die an den niederländischen Hochschulen System hat. Auch die Vorlesungen sind in Emmen auf das übergeordnete Thema abgestimmt. Röttgers’ Team hat etwa die Absatzchancen für den Export von Süßwaren nach Kroatien untersucht, eine Preis- und Marktstrategie erarbeitet sowie über den Vertrieb nachgedacht. Nach zehn Wochen haben die jeweils acht Studenten ihre Strategien vorgestellt und gerechtfertigt. „Es gibt eine Einzel- und eine Gruppennote dafür“, erläutert Röttgers. „Deshalb ist man ständig gefordert – entweder ist man an der Uni, lernt für sich selbst oder diskutiert mit der Gruppe.“
Anfangs stöhnen viele über die Belastung. Manche entdecken dabei, dass der Studiengang und die Arbeitsweise für sie doch nicht das Richtige sind. „Im ersten Jahr, der Propädeutik, liegt die Abbrecherquote bei rund 12 Prozent“, berichtet der Emmener Studienbetreuer Henk Stegeman. Er empfiehlt deshalb dringend vorab ein Beratungsgespräch an der Fachhochschule, die vor ihrem Zusammenschluss mit der Christelijke Hogeschool Nederland als Hogeschool Drenthe bekannt war.
Der Name ist neu, die Studienordnung nicht. Nach wie vor wechselt im zweiten IBL-Jahr in Emmen die Lehrsprache wechselt: In den Vorlesungen und Arbeitsgruppen wird nun statt Niederländisch Englisch geredet – auch wegen der vielen Gast-Studenten von einer der 35 Partner-Hochschulen. Ganz so international, wie Frank Röttgers gehofft hat, geht es im grenznahen Emmen allerdings doch nicht zu. „Rund 80 Prozent meiner Kommilitonen in IBL waren Deutsche“, bedauert er im Nachhinein.
Lieblingsziel der deutschen Studenten
Das Statistische Bundesamt hat zuletzt rund 12 000 deutsche Studenten in den Niederlanden gezählt – mehr als in den USA, Großbritannien oder Frankreich. Wie viele von ihnen aber ihr ganzes Studium im Nachbarland absolvieren, ist nicht erfasst. „Im IBL-Studiengang von Emmen sind es derzeit 350 deutsche Studenten“, berichtet Henk Stegeman. Bislang ziehe der Bachelor vor allem Grenzgänger aus einem Umkreis von 100 Kilometern an: Zum einen ist er nicht mit einem Nummerus Clausus belegt wie der Studiengang „International Business and Management“ an der FH Osnabrück. „Zum anderen schätzen viele die weltoffene Atmosphäre und das fallbezogene Arbeiten in Emmen“, wirbt der Studienbetreuer.
Wie anderswo Wirtschaft gelehrt und gelernt wird, hat Frank Röttgers erprobt, als er am Ende des zweiten Jahres noch einmal seine Koffer gepackt hat und weitergezogen ist, erst für ein Semester nach Valencia in Spanien, dann nach Tandil in Argentinien. „Laptop und 17 Kilo Klamotten sind die Standard-Ausrüstung dafür“, berichtet er. „Bücher sind zu sperrig: Wichtiges kam deshalb immer auf den Rechner.“
Als Freigepäck hat er aber seinen größten Schatz mitgebracht – viele neue Eindrücke und Erfahrungen. Vor allem die Freundlichkeit der Argentinier, die er getroffen hat, beeindruckt ihn noch immer. Hin und wieder hätten ihn Fremde zum Tee oder Stadtrundgang eingeladen, berichtet er etwa. Auch dass er inzwischen Spanisch verhandlungssicher beherrscht, gefällt Röttgers. „Nur die Universitätsbürokratie, wenn man zwischen den Ländern hin und her telefonieren muss, war nervig.“
Zum Abschluss zurück nach Deutschland
Für sein viertes und letztes Studienjahr ist Röttgers jetzt nach Deutschland zurückgekehrt. Zurzeit macht er ein Praktikum in der Frankfurter Unternehmensberatung Solution Matrix, die Nähe zur Familie und zu seiner Freundin, auch die seiner Meinung nach bessere Stellung von Praktikanten in Deutschland hat ihn zur Rückkehr bewegt. Hier sei er fest ins Team eingebunden und an der Kunden-Akquise ebenso beteiligt wie an Wirtschaftlichkeitsberechnungen. „Ich weiß jetzt, was ich gelernt habe und kann“, sagt er.
Für seine Bachelor-Arbeit will er nun die „Quantifizierung von qualitativem Nutzen“ untersuchen. Wie lässt sich der Mehrwert aus einer Investition oder einem Projekt messen? „Unsere Klienten haben keinerlei Probleme damit, die Kosten ihrer Marketing-Kampagne zu nennen“, berichtet er. „Wesentlich schwieriger ist es, den Gewinn- und Imagezuwachs in Euro anzuzeigen.“ Die Arbeit wird Röttgers in Emmen präsentieren und in einer letzten Prüfung rechtfertigen müssen. Danach soll die Unternehmensberatung seine Ergebnisse verwerten dürfen.
Und Frank Röttgers? Er will sich nach dem Abschluss noch eine Weile mit der Berechnung von Mehrwerten befassen. „Aber wenn sich nach zwei Jahren Routine einschleicht, schwenke ich vielleicht um zum Marketing“, überlegt er. Vielleicht wird er sich dann für ein Master-Studium einschreiben, vielleicht wieder in einem anderen Land. Koffer und Laptop sind dafür ja schnell gepackt.
Druckvorschau
Per Email versenden