427 | Manchmal, wenn mich der überzogene Bürokratie-Wahn in den Niederlanden wieder tüchtig nervt, komme ich zu dem Schluss, dass die Symptome des Festhaltens an menschenfernen Prozessen statt an gestaltenden Zusammenhängen eher an ein Entwicklungsland erinnern. Doch - weit gefehlt.
Da wäre etwa der »Belastingdienst«, der keineswegs einen möglichst angenehmen Dienst am Bürger versieht, sondern als Steuerbehörde nur noch daneben und hart durchgreift, wenn er etwa nach meinem Auto-Wechsel von Deutschland nach Holland seine Rechnungen an meinen früheren Wohnsitz nach Deutschland schickt (und die deutsche Post schickt natürlich trotz teurem Nachsendeauftrag keine Auslandsbriefe weiter, denn dafür kassierte sie ja nicht das volle Porto), obwohl ich auf der Ummeldung unmissverständlich die Adresse in Leeuwarden angegeben hatte. Na, und dann kamen nach vier vollen Monaten (endlich hatte der »Dienst« meine tatsächliche Adresse in seinen Datenbestand aufgenommen) Mahnungen, so dass ich 28 Euro Mahngebühren zu begleichen hatte - obwohl der Fehler ganz und gar nicht bei mir lag, sondern bei der Behörde.
Diese hatte auch eine 0900-Telefonnummer auf ihren Eintreibe-Schreiben angegeben. Aber als ich dort anrief, meldeten sich nur arrogante Damen eines Callcenters. »Nein, wir können nichts weitergeben, nur Ihnen etwas sagen!« hieß es dann. Sprich: ich habe selbst schriftlich Einspruch zu erheben, aber erst mal die Buße zu zahlen. Die Buße für die Schlamperei der Behörde…
»Entwicklungsland!«, habe ich dann gerufen. Wie kann so etwas in Europa noch möglich sein? Auf jedem Brief eines deutschen Finanzamts steht immer der Name des Sachbearbeiters samt seiner telefonischen Direktdurchwahl, und wenn etwas klemmte in den letzten Jahren, na dann rief ich halt direkt bei ihm an, und binnen zwei Minuten war alles geregelt.
Und wenn etwa zwischen Umsatz- und Einkommens- und Kraftfahrzeugsteuer etwas auszugleichen war, dann geschah das auch, ganz simpel.
Aber in den Niederlanden darf der Bürger seinen Finanzamtsbeamten nicht direkt anrufen. Ein Callcenter dient nur zum Abwiegeln, dort tippt man zwar genau die Beschwerden der Anrufer in den Computer, gibt sie aber nicht weiter an die Finanzleute selbst. Vermutlich geschieht das nur, damit Finance & Control die passenden Zahlentabellen über Anrufer und Arbeitsstunden vorgelegt werden können, auch wenn diese Arbeitsstunden völlig nutzlos sind für die Anrufer. Absurdistan!
»Entwicklungsland«, rief ich noch am Donnerstagabend. Verzeiht mir, Kollegen!
Seit meiner Rückkehr von einer intensiven zweitägigen Konferenz mit den Kollegen auf Vlieland weiß ich, dass dieser Ruf »Entwicklungsland« nicht zutreffen kann, denn als ich mein Haus betrat und in den Garten schaute, sah ich, dass mein geschätzter Ausblick auf die »Staande Mastroute« - wo ständig große Schiffe und Segelyachten fahren - ruckzuck vom neuen Nachbarn zugebaut worden war, mit einem Gartenhaus für seine beiden Hunde. Und auf den Platten daneben sollen sie noch ihren Auslauf bekommen, mitsamt hohem Zaun.

In einem echten Entwicklungsland wäre das nicht passiert, denn dort achtet man noch die Belange seiner Nachbarn, man ist halt auf einander angewiesen. Im reichen Holland, wie natürlich auch in Deutschland, ist das kaum noch der Fall.
Eine Ellenbogengesellschaft erinnert nicht wirklich an ein Entwicklungsland, sondern steht für verwöhnte, entfremdete Umgebungen… Materialismus, selbstreferentiell orientiert.
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