Beim inzwischen dritten „Unbehagen“-Symposium, das Studierende der Universität für humanistische Studien (UvH) in Utrecht veranstalteten, ging es am 15. Juni 2012 um die Frage, ob die Universitäten derzeit ihren Ausverkauf erleben.

Die Studierenden konstatieren, dass man nicht mehr jahrelang studieren kann und dass Dozenten nicht mehr in uneingeschränkter Freiheit forschen können. An der umfassenden Ökonomisierung der Gesellschaft nehmen auch ihre Universitäten teil. Werden diese nun zu Unternehmen, in denen Studierende und Dozenten nur noch quantitativ nach Leistungen beurteilt werden?

Zu diesen substantiellen Fragen hatten die Studierenden, unterstützt von einem Dozenten, unterschiedliche Gäste eingeladen. Jedoch waren keine Vertreter der Politik der Einladung zum Symposium gefolgt.

Studentische Keynote.

Zunächst fasste Myrte van de Klundert das Unbehagen zusammen, das die Vorbereitenden gemeinsam inventarisiert hatten. Die Studentin kritisierte, dass an den Universitäten alles quantifiziert werde, alles sei geregelt und werde gemessen, wobei der Student sogar vom bisher zuständigen Staatssekretär als „Produkt“ bezeichnet werde.

Der Wert des Studiums werde heute nicht mehr in der Qualifizierung für Abstraktion, Analyse, Durchblick und Innovation gesehen, sondern in ökonomischen Termen ausgedrückt.

„Angsthasen, Opportunisten und Trickser.“

Ed Vosselman, Wirtschafts- und Managementprofessor an der Radboud Universität in Nijmegen, vertiefte diese Sichtweise: An den Universitäten dominiere inzwischen die prinzipielle Kunde-Lieferant-Beziehung.

Die neoliberal-ökonomische Theoriebildung sei überall anzutreffen. Ihre „Beherrschungs-Phantasien“ forderten Transparenz, aber diese verheiße nur auf den ersten Blick etwas Positives und das könne allein für Außenstehende so wahrgenommen werden: Wer „drinnen“ ist, leide hingegen am ihm vom System entgegengebrachten Misstrauen.

Eine „Angsthasen“-Kultur breite sich aus. Die Wissenschaftler wie auch die Studierenden würden dabei unfreiwillig selbst zu Ökonomen und als solche zu Opportunisten und zu Tricksern.

Wissenschaftler an den niederländischen Universitäten müssten inzwischen durch fleißiges Publizieren in „Peer-Reviewed Journals“ ihren permanenten „75-Punkte-Status“ halten, anderenfalls müssten sie „zur Strafe“ mehr Lehraufgaben übernehmen. Dabei werde allein die Zahl der Publikationen gewertet, nicht aber deren Qualität und Relevanz.

Statt um die Interaktion gehe es in ökonomisch bestimmten Systemen um Transaktionen und um das Image. Das instrumentelle Denken halte die Menschen auf Abstand zueinander, man forsche an den Universitäten eher aus Karrieregründen, nicht aber aus intrinsischer Motivation.

So stehe die Identität der Menschen auf dem Spiel, denn Identität sei nicht gleichzusetzen mit Struktur, sondern sie werde durch unterschiedliche Faktoren geformt; das Zuviel an externen Kräften führe mitunter zum „crowding out“.

Eigenverantwortung wahrnehmen.

Bald de Vries, Universitätsdozent an der Universität Utrecht, unterstrich in seiner Keynote die Eigenverantwortlichkeit der Studierenden. Sie sollten – wie jetzt mit dieser Veranstaltung – ihre Erwartungen an hochschulische Bildung einfordern.

Und von Dozenten forderte er, dass sie wieder die Kontrolle über das Curriculum übernähmen und es nicht länger den kursfernen „Verwaltern“ überlassen sollten.

Wissenschaft und Universität wurden „eingewickelt“.

Hans Radder, Philosoph an der Freien Universität Amsterdam, bezeichnete in seinem Vortrag die Ökonomisierung der Universitäten als einen Prozess der „Einwicklung“.

Eine Anpassung an die umfassende soziale und ökonomische Entwicklung habe stattgefunden; wissenschaftliche Aktivitäten und ihre Ergebnisse würden zwar nicht ausschließlich, aber doch primär nach ökonomischen Kriterien interpretiert und beurteilt.

Er kritisierte die Praxis der Hochschulen und Lehrstuhlinhaber, Patente zu erwerben und sich damit letztlich in Konkurrenz zu Wirtschaftsunternehmen zu begeben.

Und er verwies auf den Inhaber eines vom größten niederländischen Milchunternehmen gesponserten universitären Lehrstuhls, der vor einigen Jahren Forschungsergebnisse publiziert hatte, die den Verzehr von Milch – erwartungsgemäß – als gesund bezeichneten.

Fixierung auf nationale „Topsektoren“ als Herausforderung.

Hans Alma, Rektorin der UvH, informierte in ihrem Vortrag über die vom inzwischen zurückgetretenen niederländischen Kabinett festgelegten Forschungsrichtlinien für die Universitäten.

Sie seien mit dem Motto „Unternehmenspolitik in der Umsetzung“ („Bedrijvenbeleid in Uitvoering“) überschrieben und skizzierten Leistungs- und Kontrollverpflichtungen für die Universitäten, die forschend den dort gelisteten „Topsektoren“ der Wirtschaft beizuspringen hätten – davon seien die staatlichen Fördermittel für die Forschung abhängig gemacht worden.

Die UvH habe sich gemäß ihrer Mission als weltanschauliche Universität, die sich für ein sinnvolles Leben in einer humanen Gesellschaft engagiere, dieser für sie zunächst etwas fremd anmutenden Erwartung aber nicht verschlossen, sondern konkrete Forschungsvorschläge gemacht, wie sie sich in durchaus kritischer Weise mit den Fundamenten und Folgen jener „Topsektoren“ auseinandersetzen werde.

Ort der freien Diskussionen.

In der nachfolgenden Diskussion der Referenten und der anwesenden Studierenden und Dozenten, geleitet von Gerty Lensvelt-Mulders, unterstrich die Rektorin, dass durch diese Veranstaltung die UvH sich als ein Ort erweise, an dem frei und kritisch über gesellschaftliche und politische Fragen diskutiert werden könne.

Auch machte sie deutlich, dass die UvH sich zwar den ökonomisierten Bedingungen der Hochschullandschaft stellen müsse, im Inneren aber die Freiheit zur Interaktion weiterhin garantieren und leben könne.

Das Symposium diente dazu, das Unbehagen von Studierenden und Dozenten über die fortschreitende Ökonomisierung der Universitäten aufzugreifen. Dabei zeigte sich, dass es den Teilnehmenden vor allem um „Transformation“ ging, nicht um „Revolution“, und dass an der UvH eine sinnvolle, notwendige und kritische Auseinandersetzung mit dem Ökonomismus unserer Zeit geführt wird.

Nicht zum „homo oeconomicus“ geworden.

Wenige Tage vor diesem Symposium bewiesen die Mitglieder der Universität für humanistische Studien auf besondere Weise, wie stark in ihrem Denken und Handeln die Wertschätzung für den Menschen verankert ist:

Mit einem beachtenswerten, selbst produzierten Musikvideo verabschiedeten sie den bisherigen Direktor für die Lehre in den Ruhestand.

In der ersten Minute des Videos danken Rektorin Prof. Dr. Hans Alma und Vorstandsmitglied Prof. Dr. Gerty Lensvelt-Mulders dem erkrankten Ruheständler für die gemeinsame Zeit und für die bleibende Prägung, die er der Universität hinterlässt.

Nahtlos führt die Kamera den Betrachter dann in einem „Lipdub“ (Musikvideo als Plansequenz) durch das Universitätsgebäude in Utrecht.

Musik: R.E.M., Shiny Happy People
Gesamtdauer: 5 Min. 35 Sek.
Prädikat: Absolut sehenswert! 🙂