Das Wiedersehen mit Dr. Ruth Pfau im Mai 2014 war für viele, die sie persönlich kennen oder erstmals live erlebt haben, inspirierend und motivierend. 

Am 17. Mai in der Neubaukirche Würzburg - Foto: Becker / DAHWBeeindruckend, wie sie das macht und wie sie es sagt!

Am 17. Mai, dem ersten Begegnungsnachmittag in Würzburg, will sie bei dem fast einstündigen Podiumsgespräch nicht sitzen.

Sie bleibt einfach hinter ihrem Stuhl stehen, denn: „Ich will Sie alle sehen können!“

 

Damals und heute.

Dreihundert Menschen sind gekommen und füllen die Neubaukirche. Ruth Pfau erzählt so lebendig und tiefgehend wie damals, vor genau 25 Jahren, als ich sie bei meiner TV-Drehreise in Pakistan begleitete.

Wir eröffnen unser Gespräch mit einem kurzen Videoausschnitt, den ich damals mit ihr in Kohistan gedreht hatte.

Persönliche Erlebnisse kommen zur Sprache: Die Verwurzelungen der Lepraassistenten in ihren Stämmen und wie sich das im Alltag als hilfreich erweist; wie sie sich so gern mit ihrem Nachfolger Mervyn Lobo über so vieles streitet – weil das zu guten Ergebnissen führt; dass die Lepra zwar so gut wie besiegt sei, aber immer wieder unerwartet Menschen auftauchen mit den für diese Krankheit typischen Flecken und Verstümmelungen, so dass das Werk nach wie vor weitergehen muss; und welche Rolle ihr Glaube dabei spielt.

Gespräch in Würzburg - Foto: Becker / DAHW„Leben ist anders“ – der Titel ihres neuesten Buches könnte über dieser Veranstaltung stehen.

Wir sprechen über manche Themen daraus: Wie funktioniert CBR (Community Based Rehabilitation) in der Praxis? Worauf führen Sie die vielen Morde und Gewalttaten in Karachi zurück? Warum die Erweiterung der Arbeit des MALC auf Behinderungen von Menschen? Welche Rolle spielt ihr Glaube?

Wir sind in Würzburg, wo die DAHW beheimatet ist und auch unsere Stiftung ihren Sitz hat. Vorstand und Aufsichtsrat sind vertreten sowie zahlreiche Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen, die seit vielen Jahren von Deutschland aus mit ihr zusammenarbeiten.

Am Ende des Gesprächs erhält sie minutenlange „Standing Ovations“, als Dank für ihr Lebenswerk und ihren nach wie vor unermüdlichen Einsatz. Danach wollen Hände geschüttelt und Bücher signiert werden.

Wofür es sich zu leben lohnt.

Bei der phil.Cologne in Köln - Foto: GertlerEin paar Tage später sehen wir uns in Köln wieder, am 22. Mai 2014 im Funkhaus des WDR. Im dortigen großen Sendesaal ist sie Mittelpunkt der Veranstaltung „Jenseits des Banalen – wofür es sich zu leben lohnt“, im Rahmen der phil.Cologne, eines internationalen Festivals der Philosophie.

Zusammen mit Annette Schavan und Rupert Neudeck spricht sie mit dem Chefkorrespondenten der Mediengruppe M. DuMont Schauberg, Joachim Frank, vor allem über Fragen des Glaubens und die Rolle der Religion.

Dabei kommt eine recht eigenwillige Sicht von Ruth Pfau auf ihre Religion heraus, die mich verblüfft. Nein, sie würde nicht jedem raten, Christ zu werden: man solle erst einmal sich klar machen, was das eigentlich bedeutet – ihr sei ihre eigene Religion eigentlich unverdaulich und die meisten Christen seien noch Christen, weil sie gar nicht wüssten, woran sie eigentlich glauben: „die Hochform der Liebe – aber, was die einem abverlangt im Ernstfall…!“. In dem großen Saal ist es so still geworden, als stocke den Menschen der Atem.

Rupert Neudeck greift ihre Sicht auf und beschreibt, dass den Muslimen der Glaube existenziell sei und wie irritiert sie reagierten, wenn jemand aus seinem Team in Afghanistan bei einer Schuleröffnung auf die Frage, was ihm sein Glaube bedeute, mit „ich glaube eigentlich an nichts“ antwortete. Das sei für die Muslimen ähnlich unverständlich wie wenn jemand sich ein Bein abhacken und anschließend sagen würde, das Bein sei ihm egal.

Ein Wiedersehen in Köln - Foto: GertlerWieder sind gut dreihundert Menschen dabei und erfahren – mit dem Kölner Dom im Rücken, nur wenige Meter von ihm entfernt – eine Sicht auf Religion, die so nirgends verkündet wird, sondern existenziell gewachsen ist bei Menschen, die ihr Leben einsetzen für andere, in für sie selbst sehr gefährlichen Situationen. Und wieder gibt es viele Nachfragen der Besucherinnen und Besucher.

Zum Audio-Mitschnitt der Veranstaltung

An den Wurzeln.

Mit diesen tief gehenden Eindrücken reise ich zwei Tage später, am 24. Mai 2014, nach Münster. Dort, wo wir vor bald zwanzig Jahren den Impuls zur Gründung der Ruth-Pfau-Stiftung hatten, warten wieder fast zweihundert Menschen darauf, sie zu sehen und zu hören.

Zunächst sprechen wir auch hier über ihre Arbeit und über ihren Nachfolger, über die aktuellen Herausforderungen und Entwicklungen der Arbeit in Pakistan.

Nachfragen in Münster - Foto: DAHW / TönnesDann aber greife ich ihre Aussagen von vorgestern in Köln wieder auf. Sie erläutert ihre Sicht auf Glauben und Religion, sie gibt zu, dass sie schon oft unter ihrer Kirche gelitten hat und auch Konflikte mit ihrem Orden durchstehen musste.

Es kommen Nachfragen aus dem Saal: Wie kann man denn so weitermachen? Nein, all das sei kein Grund für sie, aufzuhören, sagt Ruth Pfau: „Weitermachen ist oft unsinnig, aber Aufhören wäre noch unsinniger. Also machen wir weiter!“

Drei Veranstaltungen im Mai 2014 in Deutschland – zusammen mit beinahe eintausend anderen Gästen bin ich bewegt und fühle mich von Ruth Pfau mitgenommen auf ihren Weg.

Ja, Leben ist anders!